Der Drang ist groß in diesem Jahr erstmals wieder dem Ruf zu folgen: „…mal mal wieder im Freien! – um mit den Augen sehend zu atmen“, um durch das Malen sehend in die Umwelt einzutauchen, wie mit einem Kopf-Sprung ins Mittelmeer. Dabei wird die Oberfläche des Gewohnten, in dem sich die Deutungen spiegeln, durchstoßen.
Die mehrdimensionalen Tiefen der Gestalten, ihre Formen, ihre Farben, ihre Bewegungen, ihre Wurzeln und Herkünfte zeigen sich dem Taucher und beginnen zu „sprechen“. Sie sind Ausdruck eines universellen Geschehens. Ihre unsterblichen Kohlenstoff-Atome, die jeden Ast, jedes noch so winzige Blättchen nach kosmischen Ordnungen bilden, kommen aus den Schmelzöfen der Sterne. So empfangen sie allnächtlich Licht aus nahen und fernen Galaxien, als Botschaften aus der Heimat, sozusagen. Von der Sonnenmajestät des Tages, werden sie genährt und ausgerichtet. Die dichte Erde, worauf ich stehe, bildet die Grenze des Sehens. Ihrem Wurzel-Dunkel können sich die anderen Sinne: hörend … riechend … tastend und spürend eher nähern als mit den Augen.
Mit allen Sinnen wach befinde ich mich in einer Art verkörperten Schweigens das sich aus feinen kosmischen und irdischen Frequenzen zur lebendigen Stille des Waldes verdichtet. Das Schweigen des Waldes, so kommt es mir vor, lauscht, und mein Hören lauscht mit. Auf was? Ich meine eine Antwort in der Stimme des Windes zu hören, dessen leise rauschenden Strömungen die sauerstoffreiche Luft an alle Menschen, an alle atmenden Wesen weiterreicht. Wir leben alle in diesem einen Luftkörper, wie die Fische im Wasser. Wenn ich nicht wüsste dass es der unsichtbare Wind ist der die Blätter bewegt, ich müsste den Pflanzen selbst diese Eigenbewegungen zuschreiben. So sehen wohl noch kleine Kinder die vom Wind bewegten Bäume als eigenständig sich bewegende lebendige Wesen.
Ich małe Stunden um Stunden. Langsam. Das Licht wandert. Wald-Formen, die zuvor verborgen im Schatten lagen, treten prägnant hervor. Was hell war tritt in den Schatten zurück. Das Sonnen-Licht bewegt sich in einer Geschwindigkeit die diese Bewegung nicht wahrnehmbar werden lässt. Jeder Moment scheint ewig. Er birgt in sich die Kraft der Dauer. Zugleich gleicht kein Moment dem anderen.
Beim „atmenden Sehen“ des malens kann jeder veränderliche Augenblick ein Tor zum Unwandelbaren öffnen.
Was für ein Erlebnis (vielleicht auch Aufgabe?) etwas so unzeitgemäßes, langsames, unspektakuläres zu tun, während auf der Bundesstraße im Kochertal die Rennmaschinen (wie in Technik inkarnierte Dinos) lustvoll brüllend – beschleunigen … schon ist es wieder still im Wald, der mich sieht, und mit dem Ur-Wald in meinem Kopf resoniert.
Anmerkung: Ich małe, nicht wie sonst in dieser Werkgruppe mit Ölfarben, sondern mit Lascaux-Gouache-Farben, die nicht nur eine höchsten Qualitätsstandard garantieren, sondern deren Inhaberin Barbara Diethelm den Farben auch eine spirituelle Dimension zuordnet, wie sie in Ihrem inspirierenden Buch „COLOURS OF THE GREAT HEART“ aufzeigt. Mit ihrem Mann, dem Maler Werner Schmidt, gründete sie die Lascaux-Stiftung für Kunst & Spiritualität. Das ist verwandt zu unserer KUNST KLOSTER art researchInitiative. Die Pinsel stammen von der Firma für Künstler- und Restaurationsbedarf Deffner&Johann. Harald Johann, der Senior der Firma, hat sie mir geschenkt. Hier und Jetzt werden sie eingeweiht.
