Johanni-Nacht, 24. Juni 2020, 2 Uhr.
und:
Sonntag, 21. Juni. Sommer-Sonnen-Wende 2020. Mittagszeit. Neumond.

21. Juni. Sommer-Sonnen-Wende. Mittagszeit.

Sommer-Sonnen-Wende
Längster Tag, kürzeste Nacht. Jedes Jahr ist dieser Scheitelpunkt ein wichtiges Ereignis, auch für mich, das unsere Eingebundenheit in kosmische Zyklen bewusst macht.

Vielleicht gelingt es heute
Seit einigen Tagen arbeite ich bereits am zweiten Beitrag zum Thema Maske. Er wird immer komplexer und sicher viel zu lang für einen Blog.
Das wird kaum jemand lesen wollen. Bilder anschauen, ja, und vielleicht noch die eine oder andere Überschrift, aber das Ganze? Nein.
Das muss auch nicht sein. Ich will es niemanden zumuten.
Nur, das ändert nichts daran, dass ich ihn dennoch schreiben werde, weil ich aus dem Tohuwabohu in meinem Kopf – und in der Welt – etwas zunächst mir selbst Verständliches destillieren will, wie lange das auch dauern mag, und wie lange Du oder Sie dann auch runterscrollen müssen, um endlich zum Ende zu kommen. Uff … mal wieder … sooo … viel?!

Aber was heißt schon lang, bei langsamer und sorgfältiger Arbeit?
Eine Sprachskulptur muss, über kurz oder lang, auch noch Tiefe, Breite und Höhe haben. Und schließlich ist das ein großes Thema: MASKE – GESICHT – ANTLITZ.

Dabei ist mir bewusst was für ein Glück es ist, sich so frei damit beschäftigen zu können. Ohne Vorgabe, Termindruck und vorbestimmter Tendenz.

Das ist die herausfordernde Früh-Schicht im KUNST KLOSTER art reseach, der frühe Aufstieg durch die komplexen, chaotisch vielfältigen Lebensebenen, um mit einfachen Worten Verständnis zu erklimmen, kommunikative Gestalt zu gewinnen, und im Garten des Denkens Sinn anzupflanzen.

Maskierter Tramper
Es war schon spät, doch noch nicht ganz dunkel, als ich gestern Abend von Schwäbisch Gmünd zurück fuhr. An der Straße stand ein Tramper – mit Maske. Wer hätte sich vorstellen können, dass die Maske, seit der Wintersonnwende 2019-2020 bis heute zur Sommer-Sonn-Wende, also in einem halben Jahr, so radikal umcodiert würde?
Denn die Maske des Trampers signalisierte, dass er sich an die Regeln hält wenn er in ein fremdes Auto einsteigen will. Sie signalisierte paradoxerweise Vertrauen. Genau das Gegenteil von dem wie sie noch vor einem halben Jahr gewirkt hätte. Ich nahm ihn mit. Mit Maske. Sein Gesicht allerdings blieb mit verborgen. Ich würde ihn nicht wiedererkennen.

KUNST KLOSTER art research Seminar: Maske-Gesicht-Antlitz. Klosterhof 2004.


Da die Maske eine so dramatische, auch symbolische Aktualität bekommen hat, werde ich mich nochmals in das Thema hineinwagen. Unmaskiert, mit offenem Gesicht, bis zum Antlitz. 2004 war das schon einmal im Focus.

KUNST KLOSTER art research Seminar: Maske-Gesicht-Antlitz. Klosterhof 2004.

Seminar: Maske-Gesicht-Antlitz
Es war Sommer als wir, Ulla Röber und ich, ein KUNST KLOSTER art research Seminar zum Thema Maske-Gesicht-Antlitz auf dem Klosterhof in Großhöchberg, bei Uta und Reiner Weisensee, mit 12 Teihnehmer*innnen durchführten.

Der Ort ist geprägt vom genialen Clown Frieder Nögge (1955-2001), mit dem ich befreundet war, und der in Großhöchberg seine letzen Ruheort gefunden hat.
Ich will es gleich vorweg sagen: bei niemanden habe ich diese drei Aspekte: Maske-Gesicht-Antlitz je übereinstimmender gesehen als bei seinen Auftritten. Nirgendwo erlebte ich eine innigere, humorvollere Verschmelzung von kollektiven Typen, Individualität und spiritueller Lebendigkeit, wie in seinen „vier Temperamenten“, die ich auch zeichnete.

Frieder Nögge. Mischtechnik auf Packpapier. 30 x 40 cm. 1983.
Frieder Nögge, die vier Temperamente. Der Sanguiniker. Zeichnung. Mischtechnik auf Papier. 30 x 40 cm. 1984.
Frieder Nögge, die vier Temperamente. Der Cholerkier. Zeichnung. Mischtechnik auf Papier. 30 x 40 cm. 1984.
Frieder Nögge, die vier Temperamente. Der Phlegmatiker. Zeichnung. Mischtechnik auf Papier. 30 x 40 cm. 1984.
Frieder Nögge, die vier Temperamente. Der Melancholiker. Zeichnung. Mischtechnik auf Papier. 30 x 40 cm. 1984.

Im Folgenden werden ich mit erst mit verschiedenen Aspekten der Maske befassen, dann dem Gesicht ins Auge blicken, um schließlich über das Antlitz zum Ende zu kommen.

MASKE. aus der Reihe: Zustands-be-Zeichungen des Herzens. 15 x 10 cm. Ölfarbe auf Leinwand. 1983.

DIE MASKE

Masken sind leere Hüllen in denen sich mächtige Kräfte sammeln. Masken sind mächtige Kräfte die sich Hüllen schaffen durch die sie wirken.

Maskenwand. Afrika. Dakar. 2005. Foto: AB
Maskenwand. Afrika. Dakar. 2005. Foto: AB

Masken finden sich in allen Traditionen und Kulturen der Welt. Sie repräsentieren machtvolle, kollektiv wirksame Kräfte, die als Ahnen, als Schutz-Geister, Idole und Götter, magisch in Erscheinung treten.
Sie loten weit in die Zeit hinab, um aus ihren Tiefen in die aktuelle Gegenwart herauf zu wirken, und, um letztlich über die Zeit hinaus zu weisen.

Die Maske ist ein Rätsel das sich selbst offenbart.
Sie tarnt, verdeckt und versteckt den individuellen Träger unter einer kollektiven normierten Größe, und überträgt auf ihn dessen magische, in der Maske gespeicherte, Kraft.


Bei den indigenen Völkern wohnen Ahnen und Naturkräfte darin.

Alter Mann (Medhananda) zwischen Idol und Maske. Mischtechnik auf handgeschöpftes Bütten. 30 x 40 cm. 2003.

Maske, Marke und Idol
Die aufgeklärte westliche Welt hat diese magischen Kräfte entmystifiziert und nüchtern auf Naturgesetze und bio-chemische Prozesse reduziert.
Der Magie jedoch ist das ganz egal.
In modernen Gesellschaften sind es kollektive Großmuster, dominierende Meinungshoheiten und kühl kalkulierte Idole, die die Entwicklung der Personen durch Werbung und Regelungen lenken, beeinflussen und bestimmen. Diese subtileren Masken werden nicht mehr aus Holz geschnitzt, sondern, in viel elastischerem Material, als Idol und Vorbild kreiert, über moderne Medien durch Nachahmung übertragen.

Maske und Magie
Diesen Zusammenhang habe ich Afrika begriffen, bei einem Artist in Residence Aufenthalt im Goethe-Institut in Dakar, zwischen alten Holzmasken und modernen Marken die sich im afrikanischen Markt etablieren wollen. Wie die traditionellen Masken, so übertragen die modernen Marken, etwa eine repräsentative Automarke, ihre, im Produkt verdichteten kollektiven Energien, auf den individuellen Besitzer.

Die Magie, als unterschwellig wirkende Kraft, kann mühelos auch mit rational entwickelten Marken-Masken agieren, die sich dann „Image“, „Label“, „Marke“, „Versicherung“, „Partei“ oder „Firma“ heißen.

Und, wie bei den indigenen Völkern die Masken, sind die Marken weit mächtiger als die jeweils individuelle Person. Es sei denn, eine Person repräsentiert selbst ein Kollektiv, wie etwa ein Medium (… nicht selten in neuen Medien präsent …), ein Chef, Präsident, oder Medien-Star, deren Gesichter dazu tendieren, nach und nach zum maskenhaften Idol zu verschmelzen, in dem ihr Gesicht erstarrt.

IDOL. Fotografie AB. 2019
IDOL. Fotografie AB. 2019


Überpersönliche kollektive Kraft-Felder, die sich in Masken und Marken manifestieren, sind selten spirituell, im Sinne von universell, weil sie ab einer gewissen Grenze, als zielbewusste, eigeninteressierte Macht-Kollektive, im Wettbewerb mit andern, nicht mehr freilassend und freigebend sein können. Sie kommunizieren durch eigene Symbole und Verhaltenscodes. Davon angezogene Personen erlernen sie, passen sich an, fügen sich ein und geben gerne ihr Ganzes und Bestes, um die Groß-Interessen zu stärken, zu repräsentieren und innerhalb ihrer Hierarchien aufzusteigen.

Die einzelne Person wird so in ein größeres, politisches, religiöses, wirtschaftliches und kulturelles Feld aufgenommen, mit dem sie sich identifiziert, das ihr Sicherheit verspricht und Zukunft garantiert, oder wenigstens in Aussicht stellt. Dafür bekommt sie ihren Bedeutungsbonus und sozialen Status überwiesen.

Das prägt dann ihr Gesicht, wird zum Image, zur maßgeschneiderte Marken-Identität, die Verhalten, Sprache, Denken, Handeln und Fühlen beeinflusst.

Die Sehnsucht sich in einer der kollektiven Label-Kathetralen, kulturell, wirtschaftlich, oder religiös zu versammeln, sich in Gemeinschaften vom mühsamen Los der einsamen Ich-Haft zu erholen, ist groß, weitgehend unvermeidlich – verständlich, und, je nach Ziel, auch sinnvoll und notwendig.
Worüber allerdings leicht vergessen wird: Der Gemeinschaft der Menschheit gehören ausnahmslos alle an.

ABRAXAS. Wasserfarben auf Packpapier. 50 x 50 cm. 1967.

Die Maske in meiner Arbeit
Masken tauchen in meiner Arbeit sehr früh auf. Wie auch nicht. Es ist naheliegend für eine künstlerische Erkundungsreise, sich auf der Suche nach Identität in den unbekannten Weiten des Seins, möglichst spielerisch, mit verborgenen Kräften und Wirkungen zu befassen

NATUR MASKE. Ölfarbe auf Holz. 30 x 20 cm. 1972.
DIE BRIEFTASCHE MEINES VATERS. Objekt. 1971.

Identität und Rollenspiel
Für Kinder gehört das Spiel mit Identitäten zum elementaren Lernprozess. Verkleidungen, oder simple Umcodierungen: „Du bist jetzt die Mamma, ich das Kind“ erlauben es, in verschiedene Rollen zu schlüpfen und sich in diesen Rollen jeweils zu erleben und kennen zu lernen. Auf diese Weise wird die äußere Welt eingespielt und die eigene erfahren und ausgebildet.

Fries des Kasperletheaters. Ölfarbe auf Holz. 15 x 60 cm. 1982.
Meine Kinderpuppe Sepp, und der stolze Heinrich. 65 x 70 cm. Eitempera auf Holz. 1969.


Später erkennen wir bewusst, dass wir aus vielen Identitäten und kollektiven Eigenschaften bestehen, und dennoch offenbar mehr sind als die blosse Summe davon. Denn es bleibt immer dieses eine Gesicht, dieses eine, separate Ich übrig. (Was mich, wie viele Künstler*innen zu Selbstportraits, und die meisten zu selfis anregt.)

SELBST VERPUPPT. Ölfarbe auf Leinwand. 80 x 120 cm. 1967.


Die Vielschichtigkeit der eigenen Möglichkeiten, die im Schauspiel ihren professionellen Ausdruck finden, aktivieren auch die Frage: „Wer bin ich, wenn ich auch so viele Andere sein kann?“
Die Frage kommt als verhüllte Gestalt mit ins Spiel. Sie bildet das geheime Zentrum. Alle Rollen, mit ihren jeweiligen Masken, drehen sich darum.
„Wer ist das der mich immer im Spiegel anschaut und „ich“ sagt? In den Skype- und zoom-Meetings können wir uns nebenbei selber in aller Ruhe ausgiebig betrachten, vergleichen und studieren – in Echtzeit, von Außen, wie einen Fremden.
Die Frage: „Wer bin ich, wer ist das Du im Ich?“ (dazu gibt es ein Bild, das in einem andern Blogbeitrag behandelt wurde) verweist auf den unverwechselbaren, eigenen genetischen Code, der sich in jeder Zelle manifestiert.

Kein Mensch, ist bloß eine Re-Produktion, ein Roboter. Die ureigene, unverwechselbare Prägung, der eigene labyrinthische Fingerabdruck ist der Schlüssel zum Tor seines rätselhaften Ursprungs, und seit einiger Zeit auch der rasche Zugang zum Computers. Ist es nicht erstaunlich, dass auf so kleinem Raum Milliarden Varianten möglich sind?

Der innere Blick. Öl auf Leinwand. 100 x 100 cm. 2005.

Der genetische Code
Was ist der genetischen Code? Woher kommt diese Einmaligkeit?
Jeder Person liegt etwas zu Grunde das weder den Sinnen noch den Begriffen zugänglich ist? Vererbung allein reicht nicht aus, denn davor muss etwas entstanden sein was vererbt werden kann.
Viel tiefer lotet der Ursprung. Hinab zu den Zellen, den Molekülen, den Atomen und Photonen, bis zum ersten Funken – bis ins Ur-Licht, das nicht verloschen ist, sondern uns von außen als Sonne ins Gesicht strahlt.

LICHT
Denn das Licht ist der Zirkelschluss von Ursprung und Gegenwart. Darin liegt die Ursache und die Wirkung, die Herkunft und das Ziel. Dazwischen ist das Spiel der Farben, und im unsichtbaren Spektrum, in unermesslich leeren Räumen, wirken Frequenzen in unterschiedlichsten Wellenlängen, die mühelos durch unsere scheinbar festen Körper fluten.

Die prägnanteste Entsprechung diese Geheimnisses, im wahrnehmbaren Bereich, ist zweifellos die Sonne, ohne die wir weder existierten, noch uns erhalten könnten.

In allen Kulturen der Welt wird das Licht als die göttliche Ursache der Welt genannt. Und auch als die innere Heimat der verkörperten Seele, in ihrer äußeren Reise durch die Zeit. Dabei ist das innere Licht nicht nur eine Metapher, denn es funkt und blitzt in unserem Gehirn. Dank modernen bildgebender Verfahren können wir in die geheimnisvolle Dunkelkammer, dieses Universum unter der Schädeldecke, blicken, und über den Unterschied von Belichtung und Erleuchtung meditieren.

In unserer Neu-Zeit wird die Sonne leider doch etwas zu sehr reduziert auf einen Energielieferanten und Bräunungsfaktor. Die nichtmenschliche Intelligenz, die mangels anderer Begriffe als göttliche Dimension bezeichnet wird, wird – wie die Ewigkeit – oft paradoxerweise behandelt wie eine historische Periode.

Drama und Komödie
Zwischen der Einmaligkeit des genetischen Codes, und den vorgegebenen kollektiven Rollen gestaltet sich das Lebensspiel als Drama und Komödie, und prägt das eigene Gesicht, das sich zwischen Antlitz und Maske formt.

Alter-Meister-Selbst. Öl auf Leinwand. 30 x 30 cm. 1975.

DAS GESICHT

Das Gesicht: Einzigartiges Gefäß in dem sich kollektive Kräfte, Triebe, Erbe und Geist begegnen, durchdringen und mischen. Gefäß, in das die gegensätzlichsten Kräfte fließen, dort aufeinanderprallen, und darin Verbindungen zu Netzen weben. 

Das Gesicht: Unverwechselbar. Wiedererkennbar. Nackt und entblößt, mit sich selbst gezeichnet. Was, das bin ich … das soll ich sein?
„Ist das das Gesicht für so ein Innen?“ fragt Rilke.

Das Gesicht: Wo ist es? Was ist noch in Sicht, wenn ich bei mir die Rollen abziehe, den Mann, den Vater, den Sohn, den Bruder, den Freund, den Künstler? Wo ist es, wenn ich all die Gefühle, die Freude, den Kummer, das Leid, den Jubel, die Liebe, die Angst, die Hoffnung, die alle überindividuell sind – denn jede*r kennt und hat das alles auch – daraus entferne? Wenn alles Zugeströmte, Erlernte abläuft und nur noch das Gefäß übrig bleibt. Was bleibt dann?
So ist es denn nicht schon eine fertige Eigenform … dieses Gesicht?

Das Gesicht: Weniger Form – eher Formel. Der individuelle Code zu den eigenen, innern Vermögen und zugleich das Tor zu den kollektiven Kräften die Masken und Marken bewohnen, die ihr Kapital dem Gesicht leihen, schenken, aufprägen, eintätowieren, es zurückfordern, je nachdem.

Das Gesicht: Aus den Tiefen des Gefäßes dringen die unterschiedlichen Qualitäten der Gefühle herauf und färben es rot oder machen es blutleer bleich und starr, wenn der Schrecken von außen hinfährt.
Dann wieder spiegelt sich ein Glanz in ihm, sobald die Freude kommt wie ein milder Sommerwind – meist durch ein liebendes Du – und ihr Leuchten bis tief in die dunkelsten Tiefen des Gefäßes dringt. Alles, alles, was zuvor stumpf und geschmacklos war wird augenblicklich zum kostbaren Elixier verwandelt. Darin scheint das Antlitz auf.

STUDIE. Kreide auf Tonpapier. 40 x 50 cm. 1989.

Das gezeichnete Gesicht
Aus all dem bildet sich nach und nach das „gezeichnete Gesicht“, in dem sich Alter, Geschlecht, Zustand, das ganze Sein widerspiegeln.
Ich malte einige Portraits, malte sie gerne und war doch immer auch unzufrieden bis verzweifelt. Wie soll ein solches Ineinander-Strömen zu fassen sein? Und dennoch ist auch das Innerste im Gesicht präzise ausgedrückt, wenn du es zu lesen verstehst.
Bei allen Portraits ist die Leere des Grundes ein wesentlicher Faktor.

Herr P. Pastell auf Tomatier. 60 x 80 cm. 1983.

ZWISCHEN STUFEN. Mischtechnik auf Papier. 80 x 100 cm. 1986.


Das Selbstbildnis
Das Selbstbildnis ist ja nicht deshalb interessant weil ich mich so toll finde, sondern weil ich dem Menschsein dabei am ungestörtesten auf den Grund sehen kann. Und da das Wasser tief ist musst du tauchen.

Wenn du tief tauchst, dich radikal ehrlich anzuschauen wagst, bis nichts mehr zurückschaut, kein Reflex, wenn alle narzistische Spiegelung, alle Verwandtschaft, alles Typische verschwindet, wenn du gleichsam jedes Interesse an dir selbst verlierst, weil sich alles als Rolle und Anleihe entpuppt, dann siehst du im Spiegel kein Gegenüber mehr, sondern ein leeres Gefäß, siehst die persona, eine stehende Welle, durch die das Leben in der Zeit strömt. Doch das was dies zu sehen vermag bist du wirklich.

DAS LETZTE MAL. (Ausschnitt) Ölfarbe auf Papier. 80 x 100 cm. 1995

Die meisten Menschen führen und erfüllen ihr Leben zwischen kollektiven Masken-Marken und ihrer speziellen Eigenart. So muss ich das nach 70 Jahren Erfahrung eben nüchtern konstatieren und akzeptieren. Sie haben kein Interesse tiefer zu tauchen. Das ist verständlich, denn sich dem Ursprung, dem Antlitz zuzuwenden verlangt den Sprung aus dem zuverlässig Gewohnten ins unsicher scheinende Offene.

Selbstbildnins. Verdichtete Leere. Farbstift auf Papier. 60 x 80 cm. 1980.

KOMMEN UND GEHEN. Acryl auf Leinwand. 50 x 50 cm. 2017.

DAS ANTLITZ

Das Antlitz besteht jenseits der Form.

Das Antlitz ist das was ist, und auch nicht ist. Das Antlitz ist unveränderlich da. Immer schon dagewesen.

Es ist Gottes bleibendes Lächeln in dir, auch wenn du es nicht sieht, mitten in den Dramen der Zeit.

Es ist das Undenkbare, um das die Gedanken wirbeln wie im Sturm, um das sie Häuser bauen um darin zu hausen.

Es ist das Unfühlbare aus dem die Gefühle entspringen wie die Farben aus dem Licht.

Es ist der Friede von dem das Herz seinen Rhythmus erhält.

Es ist das Anwesen der Seele, die Anwesenheit des Geistes, das Wesen des Seins und die Gewissheit, dass nichts verloren geht.

Es ist die Einheit in der alle Unterschiede sich als notwendige Teilte eines Ganzen erkennen, sich gegenseitig steigern und fördern.

Es ist sanft, machtvoll und schön.

Es ist die Zukunft die immer schon war.

Das Antlitz ist ein Reflex aus dem Garten Eden. Das tiefe Echo aus dem Paradies in dem wir geboren und geborgen sind, und in das wir unsere Zäune und Mauern gebaut haben.

Wir sind nicht aus dem Paradies hinausgefallen wie von einem kleinen Biotop in eine weite Wüste, nein es ist umgekehrt: wir sind von der Größe unserer Seines in die Enge und Angst, von der Freiheit in die Abhängigkeit, von der Liebe in die Gier geraten. 

ANTLITZ. Farbstift auf grundiertem Tuch. 50 x 150 cm. Ausschnitt. 1983.


Das Antlitz geschieht, es strahlt zeitlos, frei und absichtslos, bis in die verpanzerten Gräben und Keller der Psyche.

Es ist jene Wirkung die die Person vom Innersten her durchglüht, die die vielen Rollen und Aspekte einschmilzt und zu neuer Gestalt transfiguriert: dem Körper aus Ewigkeit, der sich, nach langem Traum im Zeit und Raum, endlich seiner selbst wieder gewahr wird.

Es ist zuletzt das Antlitz das sich manchmal wie ein feingewebter Segen aus seligem Frieden über das maskenhafte Gesicht von Verstorbenen legt, die, durch alle Lebensphasen gereift, schließlich das Körperhaus verlassen haben, um auf die große Reise nach Hause zu gehen.
Ich sah es auch bei Frieder Nögge.

CHRISTIAN. Mischtechnik auf grundiertem Tuch. 80 x 150 cm. Ausschnitt. 1986.

Ende
Nun bin ich „durch“. Die Sprachskulptur ist fertig. Das heißt, ich habe gesagt, was für mich derzeit zu diesem Thema sagbar ist. Wenn das einigermaßen gelungen ist wird das Unsagbare umso klarer spürbar.

Gibt es ein Fazit?
Ja. Es geht darum dem Antlitz im Gesicht Raum zu geben und mit KY „Künstlerischer Yntelligenz“ am Selbst-Bild zu arbeiten und die inneren Potenziale zu entfalten. Auch damit das Welt-Bild sich nicht auf den Bild-Schirm reduziert, sondern dich in jedem Grashalm, in jedem Lichtstrahl, Baumschatten, und durch und über alle Masken hinweg, anzublicken vermag. Keine leichte Aufgabe, aber nur mit Leichtigkeit zu bewältigen.


Gestern wurde die Wiese vor dem Haus gemäht. Einige Bussarde kreisten nieder über dem Gelände auf der Suche nach Futter. Amseln singen und ich machte abschließende Fotos zum Thema: MASKE – GESICHT – ANTLITZ.

Johanni, früher Morgen. KUNST KLOSTER art research im Frauenhof.
Mittwoch, 24. Juni 2020.

23.6.2020. Fotografie AB
gem
23.6.2020. Fotografie AB