Das zwölfte Bild 

Arbeitsplatz: Grundierte Leinwand für die Indien-Serie

Am 17. Januar begann ich damit zwölf Leinwände für die Indienserie zu grundieren. Die sorgfältige Herstellung des Grundes ist ein wichtiger Bestandteil meiner Arbeit. Vorbilder dabei sind die Ikonenmaler. 

Der Kontrast zwischen dem groben Gewebe und der feinen Grundierung bewirkt eine spezielle Stimmung. Damit stimme ich mein visuelles Instrument.

Buch 4. Seite 49. Sieben Jahres Projekt mit Reclam-Universal-Notizbüchern.

Gestern begann ich mit dem zwölften Bild. Die ausgewählten Motive stammen aus dem Sieben-Jahres Projekt mit Reclam-Universal-Notizbüchern. Am 22.10.2014 ist diese Doppelseite entstanden. Mit folgenden Text:

DER WEG IST SCHÖPFERISCH – ER BILDET SICH IM GEHEN.

Sorgfältig wird die Leinwand mit Spachtelmasse nochmals feiner grundiert. Bis der Grund zum Zeichnen geeignet ist, bis das visuelle Instrument fein gestimmt ist für sein kommendes Spiel.  

Work in progress. Bild Zwölf. 43 x 55 cm. Mischtechnik auf Leinwand. 2020

Mit sehr hartem Bleistift (7H) und einigen Buntstiften beginnt die Umsetzung. Das Atelier ist lichtdurchflutet. 

Es geht, wie beim Naturzeichnen, nicht einfach um eine Wiederholung, sondern die erneute Aufmerksamkeit will das Bildmotiv tiefer ausloten, um das noch verborgene Innere klar zum Ausdruck zu bringen.  

Work in progress. Bild Zwölf. 43 x 55 cm. Mischtechnik auf Leinwand. 2020

Das Motiv bekommt, durch den Corona-Kontext, eine zusätzliche Deutungsfrequenz. 

Geht es nicht den meisten Menschen derzeit so, dass die Weltsituation das individuelle Leben bestimmt? Und zugleich: liegt darin nicht auch die Einsicht, dass in jedem Mensch die ganze Welt enthalten ist?
Aber nicht einfach als Infomasse im Gehirn wie in einem Bio-Behälter, sondern als gestaltbare, verantwortliche Wechselwirkung – durch die Tore der Sinne – zwischen Innenwirklichkeit und Außenwelt. 

Mir ist bewusst: Spontan entstandene Skizzen haben eine Unmittelbarkeit die möglicherweise nicht wieder erreicht werden. Das ist das Risiko. 

Auch hier gilt:

DER WEG IST SCHÖPFERISCH – ER BILDET SICH IM GEHEN.

Das Bild wächst langsam zwischen behutsamer Einfühlung und Wagnis. Zeit ist in Fülle vorhanden. Ich kann die erste Strecke langsam gehen. Vielleicht ist der Weg weit. Ich weiß nur die Richtung. Er führt ins Offene – Richtung Hölderlin.

Die Macht der Vorstellungskraft beschäftigt mich weiterhin. 

Komm! ins Offene Freund!“. Dieses schöne, Wort Hölderlins weist auf die lichte Höhe der Imagination. Doch wenn die Vorstellungskraft von einer fixen Idee absorbiert wird, dann saugt sie die gesamte Lebens-Kraft auf und stagniert in Enge und die Angst. Diesen Aspekt werde ich heute nicht vertiefen. „Komm! ins Offene Freund!“.

Atelier Boden

Lichtspiele auf dem Fussboden. Beim Malen sind die Sinne aufs Äußerste präsent. Der Umraum bildet sozusagen die visuelle Akustik.

Die erste Etappe hat ein abschließendes Stadium erreicht. Die zeichnerische Sorgfalt erzeugt eine sanfte Stimmung. Doch es fehlten die Pauken und Trompeten.

Work in progress. Bild Zwölf. 43 x 55 cm. Mischtechnik auf Leinwand. 2020

Laut und extrem kontrastreich setzen sie ihre massiven Farbeimpulse in den linken Bildraum und definieren ein hochaktives Umfeld. Ist der Lärm etwa Ausdruck wild gemischter Information? Ist die meditative Stille von Lärm umzingelt? Nein, das geht in die falsche Richtung. Ich will es nicht mental festlegen, sondern die poetische Wirkung erspüren. 

Der Kontrast ist zu laut. Denn auch Pauken und Trompeten im Bild dürfen nicht nur laut, sondern sollen auch musikalisch sein, um ein kontrastreiches Ganzes zu bewirken.

Die gespachtelten Farben drängen die feine Zeichnung zurück. Es ist zwar schwierig hier nochmals einzugreifen. Doch wer hindert mich?
Ich folge dem innersten Gespür um den möglichsten Ausdruck zu erreichen. 

DER WEG IST SCHÖPFERISCH – ER BILDET SICH IM GEHEN.

Work in progress. Bild Zwölf. 43 x 55 cm. Mischtechnik auf Leinwand. 2020

Nach längerem Betachten zeigt sich der Fehler. Das Farbfeld entfaltet seine satt belebende Wirkung nicht ganz, wenn es mit einem weißen Rahmen umgrenzt wird. Es will ins Offene des Grundes, in die grobe Leinwand ausschwingen. So stimmt es.

Bild Zwölf. 43 x 55 cm. Mischtechnik auf Leinwand. 2020

Im aktuelle Buch 44, auf Seite 27, kam ein kleines Schlüsselblumenblatt „zu Wort“. Was für eine Kraft, was für eine klare Richtung, was für eine Wucht liegt in diesem grünen Pfeilchen. 

Buch 44. 27.3.2020

„Das Kleine ist der Beginn von allem Großen“. Nein, ich denke jetzt nicht an Corona, sondern an Cicero, dem das Zitat zugesprochen wird.

„Komm“ ins Offene Freund!“
Und vielleicht sollte ich noch leise hinzufügen:
Wenn der Weg nach Außen verschlossen ist – suche und finde den inneren. Eine ganze Welt ist da drinnen. Das dass weißt du, wissen Sie ja. selbst.

DER WEG IST SCHÖPFERISCH – ER BILDET SICH IM GEHEN.

Einen kostbaren Samstag wünsche ich.

Arbeitsplatz 27.3.2020