Rotumwandlung

Mohnrot. Ausstellung. Kunsthalle Bremerhaven. 2007.

Es ist 2:30 Uhr früh.
Ich trete vors Haus in die dunkle Stille, mache ein paar gymnastische Übungen, und lasse mich vom feinen Sternenlicht duschen, oder besser: bestrahlen.
Ich stelle keinen Wecker zum aufstehen. Die Uhr ist in der Küche.
Ich bin neugierig auf die Zeit. Heute war es 2:20 Uhr. Ohne Zeitumstellung: 1.20 Uhr. Und in Indien ist es jetzt bald sechs Uhr.

Früh-Werk
Heute schaue ich nach der Sauerteig-Sprachskulptur: ROT.
Ist sie reif für die Veröffentlichung?
Auch wenn Rot ist:
Es bleibt das Blau des Himmels und des Vegiss-mein-nicht.
Es bleibt das Gelb der Schlüsselbluemen und des Löwenzahn.
Das Weiß der Gänseblümchen bleibt auch.
Wobei dieses, bevor es weiß wird, ein tiefes, purpurnes Erröten zu verbergen sucht. Ähnlich wie die Apfelknospen.

Arbeitsblatt Apfelknospe. Mischtechnik auf Papier. 30 x 30 cm. 2019

Auch die Rosen knospen schon, wie die stolzen, himmelwärts ragenden Kastanien mit ihrer eindrucksvollen Architektur.

Das Rosen-Rot tritt in der Natur – in meinem Umfeld – erst in Erscheinung, wenn das Komplementär-Paar: Blau-Violett – als Veilchen & Vergiss-mein-nicht, und Gelb-Orange – mit Löwenzahn & Schlüsselblumen – aufgeblüht sind.
Bereiten sie den Auftritt für das triumphale Rot vor?

Wobei es unter den Farben keine Rivalität gibt, sondern ergänzende Polarität. Wenn das Rot der Rosen kommt, wird es vom satten Sommergrün umarmt und getragen.

Ist es nicht faszinierend, wie sich das Spektrallicht der Sonne in Blüten und auch in Früchten materialisiert? Blüten sind reine „Früchte des Lichts“.
Sie nähren meinen (unseren) Augendurst und den seelischen Hunger nach Sinn.

Rose für Cern. Mischtechnik auf Leinwand.100 x 160 cm. 2011.


Rot
Rot ist die Farbe des Lebens. Rot reimt sich auf Tot. Es ist die Farbe des Blutes, des Alarms, der Wut, der Rosen und der Liebe.
Sie ist die Fanfare unter den Farben.
Im Spektrum des Sonnenlichtes ist Infrarot das Tor zum Sichtbaren. Über die Regenbogenbrücke geht es dann, beim ultravioletten Tor, weiter ins Unsichtbare.

Das Sichtbare ist eine sehr dünne Haut der Wirklichkeit.
Und manche meinen dass sie deshalb Illusion sei und sich letztlich alles in Atome, Energie, Beziehungen und Informationen auflösen lasse.

Gestalt
Wenn ich diesbezüglich meine Blumen-Gurus um Audienz bitte und sie frage, dann antworten sie heiter mit ihrer farbigen Licht-Gestalt und sagen wortlos: Wir sind Atome, Energie, Beziehungen, Information, Ausdruck des Weltalls und der Erde, in unserer Gestalt. „ALL-ES“ in einer komplexen und variantenreichen, schönen Einheit ausrückt. ALL-ES sprechen sie immer sehr betont aus und nennen mich dann auch noch:
ALL🌈Fred.

Ölfarbe auf Leinwand und Prismenlicht. 2020.


Corona-Rot
Den aktuellen Corona-Zustand, mit seinen alarmierenden roten Zahlen, habe ich auch mit Rot bezeichnet, mit Rot gemalt. Auch meinen Grippenvirus der mich heim suchte.

Hochvirulenger Komplexvirus, gefangen und isoliert im reinsten Alizarin Purpur. Buch 44. Reclam-Projekt. 3.3.2020. Mischtechnik auf Papier. 15 x 19,5 cm.


Ich war ab 1. März heftig krank und lag eine Woche flach mit Husten und hohem Fieber. Eine Grippe, oder vielleicht doch was anderes?

Jedenfalls hatte ich zwei Erfahrungen. Einmal dass in meinen Körper ein extremer Sturm tobte der ihn niederwarf, und dann, dass er diesen Sturm überstanden hat, und frisch gestärkt daraus hervorging.
Alles übrigens mit körpereigener Chemie.

Der Körper
(M)ein menschlicher Körper ist filigran, gefährdet, er altert, gewiss.
Doch ist er zugleich eine unglaublich komplexe Einheit, die sich selber zu organisieren weiß, und Regenerationskräfte durch den Schlaf bekommt. Kräfte die nicht vom Ich gemacht und gelenkt werden.
Mir gefällt mir der Ausdruck: „Leib“ den Graf Dürkheim kundig beschreibt.

Jeder Körper ist ein evolutionäres Groß-Ergebnis. Geschaffen und entstanden in Milliarden von Jahren und aus Billionen von einzelnen Mitwirkenden, natürlich auch Viren und Bakterien.

In diesem menschlichen Körper erwacht die Psyche und das Bewußtsein. Die gesamte Evolution wird sich im Menschen ihrer selber bewußt und schaut sich an.
Erkennt sie sich? Sieht sie durch sich hindurch, auf das was sie hervorbrachte, und was sie lebendig hält?
Oder ist das Organ das erkennt – das Ich – verblendet, narzisstisch, hypnotisiert von sich selbst?
Vermutlich sind das zwei Pole und keine sich ausschließenden Gegensätze.

Reclam-Projekt. Buch 37. 18.4.2019. Mischtechnik und Blattgold auf Papier. 15 x 19,5 cm.



Selfies
Vielleicht werden deshalb so viele Selfies gemacht und ist Skype so erfolgreich, weil man/frau sich selber, als fremd Vertrauten, dabei sieht?
Unbedingt ist diese Neugier auf sich selbst berechtigt. Wer bin ich, das ist die Schlüsselfrage, die schnurstracks zum Kern und Quell der Existenz führt, zum Zusammenwirken von Wurzel und Krone, von Herkunft und Ziel.

Höhere Intelligenz
Vielleicht klingt das komisch, doch ich bin mir bewußt, dass mein Körper eine unfassbar höhere Intelligenz und Weisheit besitzen muss als mein relativ junges (erst 72) sich selbst spiegelndes und reflektierendes Ich.

Ich
Wenn Ich damit beauftragt wäre, rational meinen Verdauungsvorgang parallel zur Herz-Lungen-Tätigkeit bei gleichzeitiger Fahrt im Auto zu organisieren und zu lenken … was für ein Chaos, was für Stress wäre da zu erwarten. Der Körper macht das „automatisch“, im Schlaf. Er macht das … für mich?

Unser Stammhirn wird gerne als primitives Krokodilshirn bezeichnet.
Doch es kein Krokodilhirn, sondern eben ein Stammhirn, aus dem sich der ganze Lebensbaum meiner verästelten Person entfaltet.
Jede Stammzelle enthält den gesamten genetischen Code, wie ein Apfelkern den ganzen Apfelbaum.

Und woher holt der Körper im Schlaf seine Energien, seine Kräfte, die ich dann am Tag (oder manchmal auch schon frühmorgens) verbrauchen darf?
Diese gigantische Instanz Körper hat seine inner-eigenen Labore und Quellen, die sich selbst organisieren, regenerieren und heilen können.

Den Rosen-Erinnerungsköprer in den SternenRaum des Hippocampus gestreut.
Reclam-Projekt. Buch 15. 5.3.2015. Mischtechnik auf Papier. 15 x 19,5 cm.

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Ich will damit sagen: der Körper ist nicht reduzierbar auf eine Maschine sondern er ist ein gewaltiges bio-chemisches Instrument, das auf seinen Ich-Spieler unmittelbar reagiert. Das weißt Du ja auch.

Banyan-Tree. Aquarell auf Papier. 30 x 40 cm. Auroville 19.2.1993


Spatz
Das bewußte Ich ist ein Spatz im mächtigen Stammbaum (s)eines Körpers.
Doch der Spatz hat großen Einfluss auf diesen Stammbaum und das was gespielt wird. Da liegt die persönliche Verantwortung und Gestaltungschance. Das wartet der innere, unkündbare Arbeitsplatz.

Der Ich-Spatz kann auf auf seinen Baum pfeifen und ihn zur Müllhalde machen, zur End-Verbraucher-Tonne. Er kann ihn erkunden und sich wundern. Er kann ihn zum Tempel formen, ihn besingen und daran zur Nachtigall reifen, wenn sein Lied mit den universalen Grundryhtmen und Stimmungen des lebendigen Körpersbaumes zusammenklingt. Dann gibt es ein harmonisches feinsinnig klingendes, heiliges Fest, das man „Gesundheit“ nennt.
Umso inniger und bewußter wird sein Wert erkannt, je mehr Krankheit erfahren wurde und wird.

Reclam-Projekt. Pandorale. Buch 3. 14.6.2013. Mischtechnik auf Papier. 15 x 19,5 cm.

Krankheit. Seuche. Pandemie.

Krankheit. Seuche. Pandemie. Das kracht derzeit, in blutroten angstmachenden, alarmierenden Zahlen, mit der Wucht eines kollektiven Medien-Info-Tsunami, über den „home-screen“, in jede filigrane Persönlichkeit herein.
Nochmals: Die ganze Wucht der Welt bricht durch die Oberfläche des Bildschirms ins Persönlichste hinein und unterspült mühelos manchen starken Stammbaum. Die dann heimatlos geworden Spatzen pfeifen in Schwärmen notgedrungen das aufgeregte Angstlied mit und schütten in panischer Orientierungslosigkeit versehentlich dabei die Büchse der Pandora aus.

Die Person wird dabei reduziert auf einen gefährdeten Gefährder.
Seine eigene Körperintelligenz wird wenig gestärkt und geachtet, wie die Bereitschaft und Fähigkeit sich selbst verantwortlich zu verhalten, auch ohne Strafandrohungen.
Und die Wenigen die unverantwortlich sind, werden zum Argument, den Vielen den „Maulkorb“ zu verpassen, und sie zum „Maskenball“ zu zwingen, in dem das Gesicht verschwindet. Kollektiver Gesichtsverlust!?
Sieht so die Vernunft aus?
Es geht mir um stimmige Proportionen, nicht um Pro und Kontra. Das sind die Faktoren für Gesundheit.

Werkgruppen Indien-Bilder. Navigation. Mischtechnik auf grundierter Leinwand. 45 x 55 cm. 2020.

Navigation

ICH SEHE ROT
und wähle das Motiv „Navigation“ aus dem Reclam-Werkbüch Nr. 6 vom 20.12.2014, um es zu malen, weil es wohl mit der jetzigen Situation einer kollektiven, und damit meist auch persönlichen Orientierungslosigkeit, korrespondiert.
Dass die Person im Boot weder Ruder noch Steuer hat, sondern lediglich ein leuchtendes Tablett, auf das er nicht mehr schaut, kennzeichnet den Zustand einer Orientierung die immer genauer weiß wo das Boot ist, und immer weniger wer da eigentlich drin sitzt. Am Ende vielleicht nur eine Zahl? Ah … und glücklicherweise noch eine schwarze Katze. Wie wärs…noch ein wenig Schwarzkümmel im roten Sauerteig?

Navigation. Motiv aus Buch 6. 29. 12. 2014. Sieben-Jahres-Projekt mit Reclam-Universal-Notizbüchern. Mischtechnik auf grundierter Leinwand. 45 x 55 cm. 2020. Ausschnitt.

Letzte Atemzüge
In der Bildgruppe von 2005 „Rotumwandlung“ male ich jeweils einen Pinselstrich mit jedem Ausatmen. Ruhig. Langsam.
Bei jedem Ausatmen imaginierte ich einen letzen Atemzug eines Menschen. Diese letzten Atemzüge sind in der Luft. Ich sammelte sie ein und malte sie. Langsam. Langsam und andächtig – vielleicht wie ein Ur-Kind das kostbare Lebensfäden sammelt in denen die Essenz eines gelebten Lebens enthalten ist. Nach und nach entstand ein lebendiges rotes Gewebe.

Rotumwandlung. Arbeitsplatz. KUNST KOSTER art research im Frauenhof. 2005

Rotumwandlung. Ausschnitt. Acryl auf Leinwand. 200 x 200 cm. 2005

Das Sterben ist nichts Feindliches, sondern nach Geburt und Liebe das dritte Mysterium des Lebens, nicht dessen Vernichtung.

Im Flutlicht ertranken die Engel. Mischtechnik auf Leinwand. 100 x 300 cm. 1999.
Apfelrot. Mischtechnik auf Leinwand. 200 x 200 cm. 2004.
Apfelrot-Trytpichon. Mischtechnik auf Leinwand. 200 x 600 cm. 2004.

Die Natur zeigt uns das jedes Jahr in ihren Zyklen.

Sieben Apfelknospen und Prismenlicht. 50 x 50 cm. Aquarell auf gehämmertes Bütten. 2006

Es ist jetzt 7:30 Uhr. Die Vögel singen. Wieder beginnt ein lichtet Tag … gestaltungsoffen …

mit herzlichem Morgengruß

Alfred (Bast)