Werkgruppe: Bilder für Indien. Traces Painter in Sky. 45 x 55 cm Mischtechnik auf Leinwand. 2020. Foto: Atelierboden.

5 Uhr. Letzter Tag im März.

Gestern hat mich das Blau des Himmels fast aufgesogen, die Weite und Leere und eine ungeheure Stille. Lässt sich das fassen mit dem was ich kenne? Nein, es ist etwas mir völlig Unbekanntes, Fremdes, Neues in der Luft.

Im nahen Dorf, in Schechingen war ich einkaufen, bei den freundlichen Hermanns.
Auch um einen Brief zur Post zu bringen. Nicht alle haben Internet.

Der Hustenreiz, der mir an der Kasse in den Hals stieg, lies sich unterdrücken. Nicht die damit verbundene Beobachtung wie die isolierende 2-m-Abstands-Vorschrift  physisch und psychisch wirkt.
Die Kasse ist jetzt mit Plexiglas zu. Der lebendige Augenkontakt ist nicht mehr möglich. Die Freundlichkeit der Hermann´s hat jedoch nicht nachgelassen.

Wie sehen wir uns, in welchen Kategorien? Nehme ich durch die unsichtbaren Schutzanzüge noch etwas vom Menschen wahr? Oder wirkt schon der Versuch verdächtig? Projektionen sind nicht neu, sie waren immer. Doch jetzt sind sie medial, massenhaft ins individuelle Verhalten programmiert. Das ist neu. In China vielleicht nicht, aber hier.
Allen geht es ähnlich im Projektionskäfig. Doch der Augen-Blick bleibt frei. Mühelos kann jeder 2 m Abstand überbrückt werden, wenn sich Menschenaugen freundlich begegnen, über die Brücke des Sehens.

Die letzten Tage bin ich um drei Uhr aufgestanden um in der Gedankenwerktstatt an den täglichen Wort-Skulpturen zu arbeiten. Manchmal 6 Stunden am Stück, bis sich in den entstandenen Bild-Wort-Skulpturen etwas von dem komplexen aktuellen Empfinden widerspiegelte.

Das ist spannend und ich bin leidenschaftlich dabei. Doch Gestern war ich erschöpft und müde. Wohl auch wegen des Wetterwechsels und der lästigen Zeitumstellung. 

Pause!

Buch 44. 30.3.2020. Bellis perennis.

Gänseblümchen
Bellis perennis

Nur das Buch 44 wartete auf seinen täglichen Eintrag, der eigentlich in Indien geschehen sollte. Auf einem kurzem Spaziergang suchte ich lustlos ein Motiv. 

Doch so geht das nicht. Vor dem müden Motivjäger flieht aller Zauber. Trotzdem nahm ich einen blühenden Zweig zum zeichnen mit ins Haus. Aber ich war nicht inspiriert. Es geht ja nicht um Fleißarbeit. Obwohl auch das manchmal besser ist als nichts. Genervt ging ich nochmals kurz vor die Tür. Einfach so. Absichtslos. Vielleicht um Kraft zu schöpfen aus dem blauen Himmel. Da „rief“ es leise: „Hallo! Hier sind wir!“  Gänseblümchen im Sonnenlicht sahen mich an. Da funkte es sofort. Freudig.

Das Gänseblümchen, Bellis perennis, ist eine kostbare Heilpflanze. Zart ist ihr visueller Klang. Sternen-Lichtkraft sammelt sich in ihr. Jedes Jahr bereichert sie, beschenket sie mich, uns, und die Kinder, mit ihrer Existenz.

Bei der zeichnerischen Übersetzung braucht es den ganzen Menschen, auch wenn das Motiv noch so klein ist. Ich muss (und will) mich ganz einsehen und hingeben in diese kleine Gestalt. Sonst bleibe ich im Labyrinth der niedlichen Deutungen und Assoziationen hängen. Wer malt schon Blümchen in ernster Zeit?

Es würde sonst ein niedliches Blumchen-Bildchen, auf eine hilflose und schwächliche Geste reduziert, nur um etwa „liebes“ zu posten. Nein! Weder meine Kunst noch das kindliche Gänseblümchen sind harmlos, nur weil sie nicht aufdringlich sind. Echte Schönheit ist nie nur lieblich. Sie ist immer auch eine Forderung, ein Signal, an die höchsten Vermögen in uns.

Ich muss mich total einbringen. Als hätte ich noch nie gezeichnet. Als müsste genau mit dieser kleinen Zeichnung ein lichter Schlüssel geschaffen werden, um dunkle, hypnotische Suggestionen zu öffnen. Es ist immer dasselbe beim Zeichnen. Ich habe es schon oft beschrieben. Und das Selbe ist immer frisch, niemals bloß mechanische Wiederholung. Frisch wie der Atem, wie der Herzpuls.

Gänseblümchen. Öl und Acyl auf gerissener Wellpappe. 50 x 50 cm.


Oft schon habe ich Gänseblümchen gezeichnet.

Gänseblümchen. Öl und Acyl auf gerissener Wellpappe. 50 x 50 cm.

Doch dieses hier noch nie. Und nicht in dieser besonderen Zeit.
Ich lerne – wieder einmal – zeichnend in diese strahlenden Wiesen-Stern zu „sehen“.

Über den Arbeitstisch flutet, gebrochen durch die Zeiss-Prismen, die Lichtsynphonie der Farben. Auch das: immer wieder ein Schock der Schönheit in absoluter Gegenwart. Das Licht ist hier. Jetzt. Und es sieht mich, und dich.

Da gehen mir die Augen auf und baden sich in seiner quellfrischen Schönheit. Sie baden sich gesund von allen Projektionen die den Blick filtern.

Buch 44. 30.3.2020. Bellis perennis.

In die ungeheure Stille klingt ein feiner Ton aus der offenen Weite herein. 

Vielleicht sind heute, wenn ich wieder raus gehe und andere Menschen sehe, Gänseblümchen in meinem Blick? 

Mit einem „schönen“ Gruß, auch von Bellis perennis, in diesen Dienstag.

Alfred (Bast)

Buch 44. 30.3.2020. Bellis perennis.