Pfingsten: Geist, Kreativität und Rosen-Zeit

Von meinem gelehrten Schwiegervater Siegfried Preuss bekam ich das Buch von Paul Matussek: „Kreativität als Chance“, der schöpferische Mensch aus psychodynamischer Sicht, Erscheinungsjahr 1974, geschenkt.
Inzwischen ist es aus dem Leim gegangen.
Ich bestellte mir ein neues Exemplar. Doch das Neue hatte weder die vielen interessanten Notizen meines Schwiegervaters, noch seine eigefügten Zeitungsartikel von Paul Mattusek, noch meine eigenen gelben Markierungen. Ich habe es gleich verschenkt. 
Dieses zerfledderte, mit Aufmerksamkeit und Wahrnehmung gesättigte Buch, kann ich jetzt seitenweise neu sortieren, kann einzelne rausnehmen und sie anschließend wieder einordnen.
Das fordert zu einer spielerischen Sorgfalt heraus. Nicht die Buchbindung, sondern der Geist des Autors und der meines Schwiegervaters, hält die losen Seiten jetzt zusammen.

Kreativität

enthält die Fähigkeit Festgefügtes zu entbinden und neue Zusammenhänge zu finden, ohne die alten, wenn sie weiterhin gültig sind, deshalb aufzugeben. Kreativität bewirkt Erweiterung, Anreicherung.
Bei aller Entdeckerfreude gibt es kein Aburteilen des Vorangegangenen zugunsten des Neuen. Wie bei einer Treppe. Alle Stufen gehören dazu. Niemand wird es für sinnvoll finden, die nächste Stufe höher zu achten als die eben verlassene. Wir neigen aber im Kollektiv leider dazu genau das zu tun und entwicklen kein Gespür für die ganze Treppe, und das Haus in dem sie ist.

Das Ganze

Doch das Ganze ist anwesend, so selbstverständlich dass es nicht auffällt. Die Erde ist ein Ganzes, und alle Teile der Natur sind wiederum Ganzheiten, bis in die kleinste Zelle hinab.

Rechts Links

Das Ganze gliedert sich natürlich in links und rechts, oben und unten. Das manifestiert sich in unseren Händen, Füssen, Augen, Ohren.
Leider ist der kollektive Körper noch keine zusammenhängende Figur. Linke und Rechte und hauen sich wegen Oben und Unten das bißchen Lebenslehm, der zur gemeinsamen Gestaltung da ist, wechselseitig kurz und klein, und raffen möglichst viel an sich. Tragisch. Das gibt kein Ganzes.

aktueller Arbeitsplatz. Mai 2020.

Kraft der Mitte

Die Licht-Kraft der Mitte kann sich nur einbringen wenn die Streiter friedlich sind. Aber wann sind sie das schon? Die Menschheit hat offenbar epileptische Anfälle. (Oder strampelt noch wie ein Säugling der erst lernt seine Bewegungen zu koordinieren?)
Müssen wir also doch auf intelligentere Maschinen hoffen, weil wir aus der Streit-Falle nicht rauskommen? Sind wir einerseits zu ungeduldig und andererseits zu träge unsere vorhandenen inneren Vermögen zu heben, auszubilden und fruchtbar für das Ganze zu machen?

aktueller Arbeitsplatz. Mai 2020.

Transhumanismus

Was den von Hariri angekündigten technischen „homo deus“ betrifft, so bin ich, bei aller Hochachtung vor so viel gebündelter wissenschaftlicher Intelligenz, skeptisch. Wie sollen Entwickler etwas anderes entwicklen könnten als sie selber sind? Es sei denn sie arbeiteten gleichzeitig daran freie, selbstlos liebende, von Gier, Ruhmsucht und Narzissmus befreite Persönlichkeiten zu werden, fähig, sich von jener höheren Intelligenz inspirieren zu lassen die das Ganzes ist. Das Ganze, das Leben und Tod in sich trägt wie Tag und Nacht, mit seinem Wachen und Schlafen. Dann würde der biologische Mensch, dieser grandiose Entwurf der natürlichen Evolution, bereits dort ankommen wohin die Sehnsucht des Transhumanismus weist. 
Nämlich bei einem erfüllten, sinnvollen, gemeinschaftlichen Leben voll schöpferischer Lust, getragen von einem dynamischen Frieden, dessen Ehrgeiz es ist das Beste für den Andern zu schaffen.

Arbeitsblatt: dark mind of creativity. Ölfarbe auf Papier.30 x 60 cm. 22.5.2020.

Die inneren Vermögen

Das Entfalten der inneren, potenziellen Vermögen lässt sich nicht zum Produkt machen. Das braucht eine persönliche, schöpferische Lern-Leistung, eine yogsiche, künstlerische, wissenschaftliche oder soziale Dispzlin. PLUS der inspirierenden Intelligenz die aus dem Ganzen kommt, und notwendigerweise von seinen Teilaspekten nur unvollständig erkannt werden kann.
Es gibt großartige, gelungene Beispiele von Menschen die das vollbracht haben. Es ist also möglich. Jeder Mensch ist ein Aspekt des Ganzen und hat seinen eigenen genetischen Schlüssel dafür.
Das klingt anstrengend, so als würden es nur ein paar Begnadete unter günstigen Bedingungen verwirklichen können.
Doch da ist keine egoistische Selbstverwirklichung, kein Ego-Shuter-Gerangel um den ersten Platz. Wer sich so verwirklicht überschreitet notwendigerweise das Egomodell, das für sich selbst, oder seine Gruppe alles will, und wird „Eine(r) für Alle“. Wenn die Rose blüht schmückt sich der ganze Garten, lautet ein Sprichwort.
Alle die so erbrachten Leistungen kommen unmittelbar der Menschheit zu gute. Ob spirituell, wissenschaftlich, künstlerisch oder sozial. Johann Sebastian Bach zum Beispiel schrieb seine Stücke allein, doch sie wirken als kostbare, unerschöpfliche Nahrung für Millionen.
Wer immer also etwas in diesem Sinne über sich hinaus tut, und erschiene es noch so gering, trägt etwas zur kollektiven Entwicklung bei. Auch wenn das menschliche Kollektivwesen sich noch im frühen Entwurfsstadium befinden sollte . Es braucht die Geduld von Jahrtausenden, die Engelsgeduld, damit JETZT so etwas gelingen kann.


Bestimmung

Wo der Mensch auf ein größeres Ganzes ausgerichtet ist und dieses verwirklicht, erfüllt er seine Bestimmung, die ihn zugleich glücklich befreit von den narzisstischen Gettos der zahlreichen Images in die er sich eingesponnen hat.
Ja es ist anstrengend, ist (innere) Arbeit, deren Produkte Sinn, Glück, Reifung und freies Spiel sind.
Aber was ist das schon gegen unser Herz das jeden Tag 10 000 Liter Blut mit hohem Druck in den Kreislauf pumpt, pausenlos, ohne Urlaub, damit wir es bequem haben, und damit wir empfangsbereit sind für Inspirationen, als“homo ludens“, den Friedrich von Schiller entworfen hat.


Sieben-Jahres-Projekt mit Reclam-Universal-Notizbüchern. 6. 6. 2019.

Das Schöpferische

Kreativität ist eine Gabe bei der Disziplin und Spiel wie linke und rechte Hand zusammenwirken. Dabei werden Fähigkeiten entwickelt und geübt die Ergebnisse verwirklichen die über das Vorhandene hinausgehen und es zugleich würdigen, wie die Rose ihre grünen Blätter und ihre Dornen.
Neben der „Ambigutiätstoleranz“ die ich ja schon ausführlich beschrieben habe, gehört ein Abschnitt aus dem entbundenen Buch von Paul Matussek, „Das Schöpferische als Geschenk des Selbst“, zu meinen Lieblingsstellen. 

„Sowenig wie ein hoher Intelligenzquotient kreatives Denken verübt, sowenig bewirkt unermüdlicher Fleiß schöpferische Tat. Jeder Künstler oder Forscher, der über das Entstehen seiner Werke reflektiert, hat deutlich gemacht, dass zur eigenen Aktivität noch etwas hinzukommen müsse, was nur schwer begreifbar ist. Man bezeichnet es als Eingebung, Erleuchtung, Offenbarung, Geistesblitz oder, wie bei Goethe, „Gefäß zur Aufnahme eines göttlichen Einflusses“, „Werkzeug einer höheren Weltregierung“. All diese Formulierungen meinen zwei Eigentümlichkeiten: a) Das Schöpferische ist etwas, das man empfängt, erhält, geschenkt bekommt; b) man erhält es von etwas das nicht identisch ist mit dem bewußten Ich.

Pfingstrose. Mischtechnik auf Papier. 60 x 80 cm. 2005.

Rosen Zeit

Mit dem Ich verwandt aber nicht identisch ist die Natur. Sie ist mein größeres Gegenüber das mich umfasst. Sie ist zugleich Basis und Partner, Spiegel und Nahrung. Sie antwortet – als nicht anthropozentrische Intelligenz. Sie ist das Ganze in vielen Facetten, das den menschlichen Geist zu inspirieren vermag. Sich dieser Intelligenz zu öffnen fällt leicht, denn sie ist schön, besonders wenn heute der vielzungige Geist von Pfingsten in Rosengestalten spricht. Das geschieht in unaufdringlicher Selbstverständlichkeit direkt vor unseren Augen. Jedes Jahr zum Stauen neu. Rosen erinnern. An was?

Rosenplatz. Mai 2020.

Arbeitsplatz mit Rosenbild. Mai 2020.

Rose für CERN. Mischtechnik auf Leinwand. 100 x 160 cm. 2011. Version 1.

Rose für Cern, Öl auf Leinwand, 100×160 cm, 2011. Version 2.


2011 malte ich das Bild „Rose für Cern“ und schrieb folgenden Text dazu.

Rose für CERN

Warum lasse ich mich immer wieder vom Zauber der Blüten verführen? Sind das nicht schwer belastete Motive, so leicht sie auch ins Auge springen? Doch wie sollten diese visuellen Oasen, diese optischen Quellen, das durstige Auge nicht anziehen und erfrischen, inmitten von grell flimmernden Medien-Wüsten?
Wo entspringt ihre Wirkung? Ich will dem auf die Spur kommen und dies – in leidenschaftlicher Ruhe – zeichnerisch zu ergründen suchen. Da ist die weiße Leinwand und das rote Blüten-Universum, mein Rosen-Gegenüber. Es gilt, sich mit sehenden Händen in das strudelnde Rätsel zu wagen, in diese rote Tiefe aus Schönheit, in ihren geometrischen Spiral-Tanz, der eine unsichtbare Energie und Ordnung offenbart.
Nur ein sehr schmaler Weg führt heute, insbesondere bei blauen Blumen und roten Rosen, durch dumpfe Gefälligkeitssümpfe, blinde Gewohnheiten und Kitschfallen zum Mysterium des Schönen.
Sind Rosen nicht, wie alle Blüten, millionenfach gebildet aus Licht und Erde, Sensoren zwischen Ursprung und Gegenwart, gelungene Versuchsanordnungen, mit denen das schöpferische Universum die Augen erfreut und den HerzVerstand belichtet?‘
Die Weltmaschine CERN erforscht die kleinsten Teilchen, um den Ursprung des Alls zu ergründen. Bei allem Respekt vor der Wissenschaft: Kann es eindeutigere Spuren der wirbelnden Entstehung des Universums geben als jene, die sich in jeder Rose zeigen?

Auswahl Rosenbilder 1989 bis 2019

Rose und Asche. Tafel 1. Mischtechnik auf grundiertem Tuch. 60 x 80 cm. 1989.
Rose und Asche. Tafel 2. Mischtechnik auf grundiertem Tuch. 60 x 80 cm. 1989.
Rose und Asche. Tafel 3. Naturmaterialien auf grundiertem Tuch. 60 x 80 cm. 1989.

Pfingstrose. Ölfarbe auf grundierter Leinwand. 100 x 130 cm. 1995.

Rosen-Rhythmus. Mischtechnik auf grundiertem Tuch. 30 x 30 cm. 2001.
Rosen-Rhythmus. Ölfarbe auf grundiertem Tuch. 150 x 150 cm. 2001.

NaturIkonen, Werkgruppe, 30 x 30 cm, Öl auf Leinwand, 2008

Rosen-Rhythmus. Mischtechnik auf grundiertem Tuch. 30 x 30 cm. 2019.

Alles ist limitiert … nur nicht das Jetzt. Das ist die Pore in der Zeit durch die das Ewige hereinströmt. … rosenartig vielleicht?

Video-Skizze Pfingsten 2014.

Eine inspirierte Pfinst-Rosen-Zeit
wünscht

Alfred (Bast)