Das Sichtbare ist ein in den Geheimniszustand erhobenes Unsichtbares. (Novalis)

 

Von der Kunst zur Natur


Ich bin nicht über die Natur zur Kunst gekommen, sondern über die Kunst zur Natur. Natur war für mich zu Beginn meiner Studienzeit künstlerisch nicht interessant. Sie galt als ein Relikt aus romantischer Zeit, und war höchstens noch als handwerkliche Übung gültig, nicht aber als künstlerisches Ziel.
Drei Schlüsserlebnisse zeigen wie sich mir durch die Kunst die Natur erschloss.

 

Ei (Schutz und Aufbruch)

  • 1. Zeichnen Sie ein Ei!
    In meiner Studienzeit, den 68 Jahren, dominierten politische Themen und künstlerische Experimente.
    Als mir mein Professor die Aufgabe stellte: „Zeichnen Sie ein Ei, ein weißes Ei auf weißem Grund“, war ich verärgert über die Zumutung einen Gegenstand einfach abzeichnen zu sollen. Trotzdem, ich nahm die Herausforderung an. Ich wollte es meinem Professor zeigen. Doch das Ei zeigte es mir.
  • Die vermeintliche Fleißarbeit und langweilige Abzeichnerei, die Disziplin und langen Atem erforderte, verwandelte mich. Durch den Zeichenprozess wuchs das Motiv langsam aus seinem gewohnten Kontext heraus. Es wurde zum offenen Phänomen.
  • Das schlichte Hühnerei steigerte sich zum Archetyp und Symbol von Leben und offenbarte ein erstaunliches Zusammenspiel polarer Kräfte: Schutz & Aufbruch, Fragilität & Stabilität, Schönheit & Zerstörung, Perfektion & Chaos, vereint im schönsten in kosmischem Design. 
  • Das Ei ist eine perfekte Kugel mit einer Tendenz. Evolution pur. Wenn es seine Bestimmung erfüllt bricht es auf. Erstmals gelangte ich zeichnend, über die sichtbare Erscheinung, zu den unsichtbaren Gestaltkräften die sie bilden. Das war keine Nachahmung, keine geistlose Verdoppelung, sondern die Übersetzung des Sichtbaren in einem Erkenntnisprozess. Mir dämmerte, dass die Natur, tief unterhalb des Begrifflichen, in Gestalten spricht.
  • Das war meine erste Öffnung zur Natur durch Kunst.
Mass (Blüte, Schönheit, Harmonie der Gegensätze und die Kraft der Mitte, der Goldene Schnitt)
  • 2. Vergiss-mein-nicht
    Ich nahm Blumen als Kunststudent nicht ernst. Sie waren niedlich freundliche Harmlosigkeiten. Bis ich ein „Vergiss-mein-nicht“ für meine Mutter zum Geburtstag zeichnete. Je länger ich die Konzentration auf die winzige Blume richtete, desto überraschter war ich was sich mir zeigte. Die kleine zarte Gestalt entpuppte sich als strahlender, geometrisch exakter Fünfstern, als Pentagramm. (Das Pentagramm ist die Hauptfigur des Goldenen Schnittes.)
  • Der Goldene Schnitt ist geometrisch perfekt, doch seine mathematische Zahl ist irrational. So verweist er auf eine feine Lücke in der mathematischen Perfektion durch die das Wunder sickert. Lücke und Glück sind nicht nur wortverwandt.
  • Ich erarbeitete die Blüte in größerem Format. Kein niedliches Blümchen war das mehr. Es wurde zu einer Chiffre von rätselhafter Klarheit, ein himmelblauer Bote aus den Weiten des Weltalls. Venus und Erde zeichnen in ihrem Tanz um die Sonne einen exakten Fünfstern in den kosmischen Raum. Das planetare Zusammenspiel blüht den Augen auf den Wiesen entgegen.

 

 

  • 3. Der blühende Apfelbaum Ein drittes Schlüsselerlebnis bescherte mir ein blühender Apfelbaum den ich in freier Natur zeichnete. Mir war bewusst, dass das kunstgeschichtlich unzeitgemäß war. Ich hatte gelernt, dass die moderne Kunst sich erfolgreich befreit hat von der Sklaverei der Natur-Nachahmung, hin zum Ausdruck psychischer Prozesse, der kritischen Auseinandersetzung mit Geschichte und Gesellschaft, und der Abstraktion von Farbe und Form losgelöst von Motiv und Inhalt. Doch ein blühender Apfelbaum ist ein Schock aus Schönheit. Der hält sich nicht an ästhetische Dogmen.
  • Dem Rätsel des nicht vom Menschen gemachten Schönen auf die Spur zu kommen wurde ein abenteuerlicher Weg. Vielleicht auch grade deshalb weil der Zugang einer direkten künstlerischen Naturbegegnung damals dornröschenartig zu gewuchert war.
    So wurde mir die Natur zum offenen Buch das in Gestalten spricht.
  • Die Natur hält Ausschau nach Augen die sie sehen.

 

Die Grundformen

  • Auf drei Grundformen: Kreis, Quadrat und Dreieck wurden die komplexe Natur im Kubismus und später den Bauhaus-Lehren zurückgeführt. Nicht der naturalistische Schein mit seiner verwirrenden Vielfalt, die noch Alexander von Humboldt und Goethe in einen universellen Zusammenhang zu fassen suchten, sondern die Grundformen wurden in Wissenschaft und Kunst entdeckt. Denn der oberflächliche Schein trüge und die Wahrheit sei so einfach und klar, wie das schwarze Quadrat von Malewitsch.
  • Die Kunst wurde aus dem „Rohstoff Natur“ herausgelöst und in abstrakte Prinzipien und individuelle Ausdrucksformen kultiviert, mit faszinierenden Ergebnissen.
    Die Versuche der Künstler, Naturerscheinung auf Kugel, Kubus, Pyramide zu reduzieren, schenkte dem Sehen Struktur und eine philosophische Dimension, aber keinen erweiterten Blick zurück auf die Naturgestalt. 
  • Natur wurde mehr und mehr Vorwand, Vorgabe. Sie zu verfremden wurde fast zur Künstlerpflicht. Die optischen Medien konnten sie exakter wiedergeben als jedes Gemälde. So geriet sie aus forschenden Blick und lag brach.
  • Kreis, Quadrat und Dreieck bleiben gültig, doch es mangelt an Formen die das Lebendige enthalten und ausdrücken.

 

 Spirale (Verbindung von Kreis und Gerade)

 

KREIS UND STRAHL

  • Mir sind vier Gestaltkräfte vertraut, die alles Sichtbare bewirken: Kreis und Strahl, Symmetrie und Goldener Schnitt.
    Alles was Gestalt hat wird aus diesen Kräften gebildet. Der Kreis ist das Zentrum, die Gerade – der Strahl – die unendliche Strecke. Ewigkeit und Zeit sind darin ausgedrückt.
    Die Symmetrie garantiert die Balance und der Goldene Schnitt bewirkt Progression und Entwicklung. 
    Wenn Kreise sich ringförmig ausdehnen, wie Wellen in einem stillen See in die ein Stein geworfen wurde, und Strahlen vom Mittelpunkt nach außen streben, entstehen Kreuzpunkte. Wenn diese schräg miteinander verbunden werden ergeben sich blütenblätterige, mandalaförmigen Spiralen, wie sie in vielen Naturgestalten erscheinen.
  • Die Eiform ist eine Kugel mit einer Tendenz. Die Spiralform ist ebenfalls eine Kreisbewegung mit einer Tendenz.
    Der Grundformen-Katalog erweitert sich um diese beiden. Es kommt noch eine dritte hinzu.
UR SACHEN
Ur-Zeichen

Die Astgabel

  • Die Astgabel zeigt die Spaltung als Wachstumsprinzip. Aus Einem werden Zwei. Und das ergibt sofort Drei. Das Eine verzweigt sich und kehrt auf einer komplexeren Ebenen wieder zur Einheit zurück.
    Die Astgabel ist das Ur-Zeichen für Wachstum das auf eine komplexere Ordnung hin ausgerichtet ist.
  • Im Unterschied zum Wachstum das nur sich selber kennt und damit zur Wucherung wird. Die Astgabel ist ein Zeichen – mit dem ich zeichne. Was dabei herauskommt ist die verschlüsselte Sprache der Natur. (Video). Die Astgabel ist der Code zum Ganzen – als Einheit und Vielfalt.
Herz: lebendige Grundform.
Die Kunst: Das Gute. Das Wahre. Das Schöne.

Spiritualität 

  • Kunstwerke die in einer spirituellen Tradition stehen, sind manifestierte Körper deren heiliger Zweck es ist, dem Unmanifesten das als Licht, als Leere, Energie oder reines Bewusstsein beschrieben wird, einen Ort in Zeit und Raum zu geben.

 

Honigdenken
  • Kunstwerke die dieser Ausrichtung und Aufgabe verpflichtet sind, erzeugen einen unsichtbaren atmosphärischen Raum, in dem das Nichtmanifeste den Kern der Form und Gestalt ausmacht, wie bei einem Gefäß die Leere.
    Das Unfassbare ist im Kunstwerk auf eine paradoxe Weise zugleich anwesend und abwesend, bereit zur Kommunikation, bereit zur Kommunion, über die Brücke der sinnlich fassbaren Gestalt.

Alfred Bast 20.5.2020 … Barbara von Meibom 99. Salon per zoom

Ergänzend: Hans Jenny: Kymatik.
Hartmut Warm: Signatur der Sphären.