Sandro Botticelli, (1445-1510, Florenz). Venus.

Aussellungsbesucherin vor „Venus“ von Botticelli.

 

Verabredung mit alten Meistern und eine zufällige Berlinale-Begegnung

 

Ein Nachmittag in der Gemäldegalerie.

 

Die Gemäldegalerie ist ein seltsamer Ort. Das riesige weiße Foyer ist eine Innen-Raum-Wüste. Weit, weiß und öde. Der Mann der nach mir seine Eintritts-Karte kauft, sagt zur Kassiererin: „Ist hier noch was da? … sieht so aus als hätten sie alles ausgeräumt.“

Albrecht Dürer (1471 – 1528 Nürnberg). Bildnis Hieronymus Holzschuher. 1526. 

 

Eindrucksvolle Portraits. Gesichter, präsent wie heutige.

Besonders achtete ich auf darauf wie mein Sehen selektiert, und richte den schweifenden Aufmerksamkeits-Sensor aus auf das was ich übersehe. Das ist mein „Hundesinn“ der erschnuppert was ich nicht sehe. Wie etwa die sorgfältigen Ornamente um das Haupt des Apostels. Ein „Heiligenschein“ ist offenbar voller Formen.

 

Ich vertiefe mich in eine Hand-Studie mit Untermalung und Öllasuren. 

Was mich dabei besonders anspricht ist die Präzision des Sehens, die Durchdringung des Gesehenen, mit Gefühl und Verstand, und die sanfte Übersetzung ins Bild. Allein die beiden Hände, ihre Geste und Farbigkeit enthalten die gesamte Botschaft der Kreuzabnahme. Den Schwung der Linien höre ich wie Musik und spüre die sanfte beharrliche Kraft des Malers.

 

Giovanni Bellini (1430-1516, Venedig) Die Beweinung Christi. Um 1495

Im langsamen Schreiten und sehenden Tasten, begleitet von meinem „Hundesinn“, durch den Bilderwald – in jeden Augenblick kann ein Einhorn auftauchen – blickt mich ein kleines Bild aus dem 13. Jahrhundert in aller Frische an. 

Da trägt ein tatkräftiger junger Heiliger einen alten Mann über den Fluss. Das Herz lächelt. 

Giovanni del Biondo. Seit 1356 in Florenz – 1398. Der heilige Julian trägt einen altern Wanderer durch den Fluss.

Lucas Cranach d.Ä. (1472 Kronach -1553 Weimar). Der Jungbrunnen. 1546

 

Warum in den  „Jungbrunnen“ in dem bleifarbigen Wasser, das eher wie flüssiger Beton aussieht, nur Frauen und keine Männer baden, und sich von alt nach jung zurückverwandeln, bleibt mir ein Rätsel.

 

Hendrick Goltzius (1558 Bracht – 1617 Haarlem) Anbetung der Hirten. II. Zustand nach 1599

Zwei Kupferstiche. In dieser so spröden Technik eine solche Lebendigkeit zu entwickeln faszinierte mich. Ich kenne die Härte des Metalls und den Druck der Hand die mit dem Stichel in die Metallplatte einzelne, isolierte Linien gräbt die in der Summe dann Körper mit Licht und Schatten ergeben. Eine unerhörte Abstraktionsfähigkeit, die Übersetzung des ganzen Bildes in minimalste Bestandteile, ist hier nötig.

Der Engel der Maria-Verkündigung brachte eine gleich die ganze Himmelsöffnung mit. Er berührte den Boden nicht. Ich höre innerlich beim Betrachten den Einbruch himmlischen Lärms in die Stille von Marias Alltag, der kling wie Musik von Händel, .

 

Bernadino dei Conti (1450-1528). Bildnis des Prälaten. 1499

 

Auch dieses Bild des feisten Prälaten, mit seiner Formkraft und klaren Farbigkeit hat eine starke Wirkung auf mich. So unsympathisch der Mann auch scheint, das Bild selbst ist faszinierend schön.

Ich habe viel aufgenommen, bin eingetaucht in diese malerische Fülle und atmete die hart erarbeiteten Meisterschaften und die jeweiligen Zeiten ein. 

Nein kein Meister ist vom Himmel gefallen, aber manche Himmel in die Meister.

Was ich sehe sind alles Werke die in einem Umfeld entstanden in dem es kein künstliches Licht, geschweige denn Fotografie gab. Das Sehen und die Übersetzung ins Bild war ein langer Weg der vor Ort, im Atelier, begangen wurde, in den Werkstätten und Bilderschmieden.

Auch dort wurde mit allen zugänglichen Hilfsmitteln gearbeitet und geforscht weiter entwickelt, bist dann im 19. Jahrhundert das Licht selbst die Bilder machte. Bis die Fotografie das Licht-Bild direkt selbst aufnahm, ohne die menschliche Hand.

Die Werke in der Gemäldegalerie, die ältesten die ich entdeckten sind um 1230 entstanden, und noch heute zugänglich in ihrer gespeicherten Zeitdichte.

 

 

Berlinale

Das Gegenstück dazu erlebte ich auf dem Weg, mit dem Rad von Kreuzberg zum Kulturform.
Die Berlinale. Glitzer-Glanz und Medienhype. Wichtig!!!!Wichtig!!!!!Wichtig!!!! 

ICH TIG

Sekt in der Luft. Blitzlichtgewitter, schrille Begeisterungsstürme, und dumpfdrohende, humorfressende Securitas. Neugierig fragt sich die Stille was denn hier los sei. 

 

Achsoja…die Bilder sind beweglich geworden, haben laufen, tanzen, rennen, jagen und überholen gelernt. Sie wollen nicht mehr nur ägyptisch „verewigen“.
Sind sie im Wirbel der Zeit verflüssigt, und opfern sich, durch die kalt-klaren Objektive ins saugende Dunkel der Kameras – nackt – und Preis-gegeben, dem Gott des (käuflichen) Ruhms? Hoffend, dass jenes was in das schwarze Loch des suggestiven Kamerauges hineingesogen wurde, auf der andere Seite in millionenfacher Verbreitung und Vergrößerung wieder heraus „geboren“ und verbreitet würde. Ewige Präsenz, unlöschbares Sein im digitalen Olymp gewährend?

Doch ist dieses „Jetzt“ lebender atmender Ausdruck des Ewigen in der Zeit, oder doch nur ein dauernd abrufbarer Moment, gespeichert auf digitalen Festplatten, endlos verhaftet im Gewesenen?

So fragt sich jedenfalls der Museumsbesucher der, mit alten Meister-Bildern im Sinn, neugierig vorbeikommt, und sich sachte entschließt nicht in diesen Strudel einzutauchen, obwohl ihm jemand eine Karte zum Kauf anbietet für den letzten Film der Berlinale. Einen chinesischen, dessen Hauptdarsteller eben unter großem Jubel eingetroffen sind und sich, glänzend aufgeputzt, ihren jubelnden Fans präsentieren.

Wobei er im Weiterradeln offen lässt ob er nicht, auf der Spur eines Vorurteils, an einem möglicherweise für ihn wichtigen Erlebnis vorbeifährt?
Ob er nicht den Kairos, den günstigen Augenblick, verpasst haben könnte. Denn vielleicht machen heute die „alten Meister“ Filme? Gewiss sogar! Aber gewiss nicht nur.

Dieses Heute ist speziell. Es ist wahrlich nicht von gestern. 

Und genauer betrachtet: Kairos wird in jeder Werbung suggeriert in der wir unser Glück versäumen, wenn wir es nicht kaufen. Kairos ist eine hochintelligente, virtuelle, automatische Köder-Methode geworden die die Aufmerksamkeit einfängt und damit die Seele und den physischen Menschen, der an der Angelschnur scheinbarer Bedürftigkeit hängt und im Meer seiner Freiheit zappelt.

Die Zeitschichten sind heute alle transparent und erscheinen auch aus tiefsten Tiefen an der Oberfläche.
Weltenursprung. Agypten. Israel. Religionen. Ikonen. Dürer. Die Venus von Botticelli. Breughels Jungbrunnen. Die Berlinale und der chinesischer Film sind gleichzeitig anwesend.
Doch das ist nur ein winziger Bruchteil all des nicht Erkennbaren, weil es außerhalb der unmittelbaren Sinneswahrnehmung geschieht, das zugleich wirkt und anwesend ist. Dort die spielten Kinder und ihre Eltern, der Jogger, die Jungs auf den Rollbrettern, der Sprayer, und viele in den Autos, Bahnen und Bussen. Die meisten leben in ihren Handys, in ihren jeweiligen, den andern unzugänglichen Welten. Was ergibt das zusammen? Hat das eine Gesamtansicht?

Sicher ist: die menschlichen Grund-Themen haben sich nicht verändert, nur die Medien. Sie isolieren und verbinden zugleich. Und die einzelnen Menschen werden mehr und mehr zu vernetzten Synapsen einer großen Organs das sich selbst noch nicht als Eines zu erkennen vermag.

Was soll ich tun? Ich radelte gelassen und verloren am Strand der Zeit entlang, um all das in mich auf zu nehmen, mit meinem Hundesinn zu beschnuppern und mit meinen Ohren zu sehen. Nicht wissend wie, und ob es sich formuliert und eine eigene Form bekommt. Nur gewiss, dass ich bald wieder, mit diesem dichten Stoff, auf dem Land, in meinen lAteliers in der Natur sein werden, um dort zu schmieden. Altmeisterlich, auch mit neuen Medien.

Doch jetzt, in der Berliner Nacht, schaue ich mir das Erlebte schreibend nochmals an, anstatt es zu verträumen.