Apfel-Blüten-Arbeitsplatz, 2019

… Über Apfelknospen, das „langsame Sehen“, Schreiben und Zeichnen, im Kontext mit der digitalen Beschleunigung.

 

Voller Apfelblüten ist derzeit das Atelier, voll blühender Wunder.
Ich habe sie von wilden Apfelbäumen behutsam geerntet. Solchen die ungepflegt am Straßenrand stehen, und deren Früchte niemand aufliest. Und die doch blühen als stünden sie im Paradies.

Sorgfältig stellte ich die kleinen Zweige in Gläser auf den Ateliertisch, wählte aus und begann zu zeichnen.

Dabei ist die höchste Konzentration nötig, als würde ich eine Operation durchführen – … warum „als würde?“

Ist es denn nicht eine Operation, eine „Kunst-OP“, bei der es darum geht, das pulsierende Herz der Natur in einen Tafel-Bild-Körper einzupflanzen?

Oder anders gefragt: Ist es nicht wie eine Simultanübersetzung der Naturerscheinung in einen Erkenntnisprozess – durch die Bild-Sprache?

„work in progress“ 1 Natur Ikone Apfelblüten Zweig, Öl auf Leinwand, 30 x 30 cm, 2019

Zeichnen = Schreiben

Ikonen werden „geschrieben“. Wenn ich Natur-Ikonen male „schreibe“ ich diese Wunder im Atelier ab. Schreiben ist ein kognitiver und zugleich ein visueller Prozess. Vielleicht fühlten sich Mönche die die Bibel möglichst fehlerfrei abgeschrieben haben ähnlich: – hingebungsvoll-konzentriert auf etwas das sie selber nicht gemacht haben, es aber übertragen wollten in ihre Existenz, weil sie dadurch ihren Blick erweitern, oder zu erweitern hofften. Im „KUNST KLOSTER art research“ könnte diese Tradition neu „fortgeschrieben“ werden.

„work in progress“ 2 Natur Ikone Apfelblüten Zweig, Öl auf Leinwand, 30 x 30 cm, 2019

„Meine Bibel“ die ich schreibend abzeichne besteht allerdings nicht aus Buchstaben, Worten, Sätzen und Geschichten, sondern sie ist das lebendige „Buch der Natur“ das in Gestalten spricht. Also in einer Sprache verfasst ist, die seit eh und je, weltweit gesprochen und verstanden wird, weil wir Menschen selbst Teil dieses Buches sind.

„work in progress“ 3 Natur Ikone Apfelblüten Zweig, Öl auf Leinwand, 30 x 30 cm, 2019

Das „Buch der Natur“

Das „Buch der Natur“ ist zugleich einfach und komplex. Es ist auch mit einer visuell-musikalischen Partitur vergleichbar, an der die große, schöpferische Intelligenz, die das Leben hervorbringt, ständig weiter schreibt.

Dabei liest die Augen-Hand von den Apfel-Blüten-Blättern musikalische Linien ab, und schreibt sie zeichnend auf den weißen Grund, malt fein abgestimmte Klangfarben von weiß, rot und grün, und klopft rhythmische Strukturen.

So erspielt der zeichnende Schreiber diese „visuelle Partitur Apfelknospe“ möglichst werkgetreu auf der grundierten Leinwand mit den Bildinstrumenten: Komposition, Linien, Formen, Farben, Rhythmen und Strukturen.

„work in progress“ 4,  Natur Ikone Apfelblüten-Zweig, Öl auf Leinwand, 30 x 30 cm, 2019

Durch das schreibende Zeichnen nimmt die Hand das Sehen bei der Hand und führt es aus den Zonen des gewohnten Begreifens in offene, ungedeutete Gebiete. Denn wir sehen zunächst was wir wissen, denken und deuten, also selektiv und nicht das Ganze.

Beim Prozess des schreibenden Zeichnens erlebe ich mich wie ein Wanderer der ein ursprüngliches Land erkundet und von Ferne die Autobahn hört, auf der er eben selbst noch unterwegs war.

Er geht einen Weg vom Vor-Bild über das Ab-Bild, zum Sinn-Bild, und weiter zum Ur-Bild, bis zum gemalten Bild, das dann mit dem Vor-Bild in innige Resonanz tritt.

Also los …

Natur Ikone, Apfelblüten-Zweig, Öl auf Leinwand, 30 x 30 cm, 2019

 

Der Fotoapparat liegt griffbereit, um die wechselnde Arbeitsplatz-Situationen zu dokumentieren. Auf „stand by“ warten auch Musik und Hörbücher. Doch ich wähle das Ur-Programm: Stille. Dann höre ich die Gesänge der Vögel aus dem nahen Wald und die aktuellen leisen Arbeitsgeräusche. Ich höre dann quasi auch die Musik von John Cage.

 

Apfel-Blüten-Arbeitsplatz, 2019

 

Apfel-Blüten-Arbeitsplatz, 2019

 

Natur Ikone, Apfelblüte-Farbkreis, Öl auf Leinwand, 30 x 30 cm, 2019

Atelierpräsenz

Diesen reinen, stillen Raum der Präsenz bewusst im Atelier zu schaffen und zu halten,  bei Tageslicht „mit bloßen Augen und Händen“, einfachen Werkzeugen: Stiften, Pinseln, Aquarell- und Ölfarben zu arbeiten – ohne sonstiges technisches Gerät (ausgenommen meine kostbare Brille) – ist ein Verhaltenskonzept und verlangt klare Vor-Entscheidungen.

Das ist nicht anachronistisch, eher im Gegenteil. Denn dieser stille Raum ist umflutet von einem Ozean der interessantesten Ablenkungen.

 

Arbeitsblatt Apfelblüte, Mischtechnik auf Papier, 30 x 30 cm, 2019

 

Arbeitsblatt Apfelblüte, Mischtechnik auf Papier, 30 x 30 cm, 2019

 

Digitale Medien und Da-Seins-Ryhthmus

Der Distanz zwischen den sich selber beschleunigenden digitalen, auf Effizienz angelegten Medien und dem körperlichen Da-Seins-Rhythmus, mit seinem gleichbleibenden Maß, des Grundtempos von Herzschlag, des Blutdrucks und der Grundtemperatur, bei dem jede Beschleunigung oder Steigerung nur selten effektiv und wünschenswert ist, erweist sich als herausforderndes Spannungsfeld, in das wir heute eingebunden sind.

Ersetzen die faszinierenden Möglichkeiten, mit Mikroskop, Teleskop, Röntgenbildern, und Magnetresonanztomographie (MRT) die immer tiefer in das lebendige, komplexe Urbild „Leben“ schauen, das selbstdenkende Handeln?

Nein, gewiss nicht! Sie fordern die bewusste, entschlossene Hinwendung zu den potenziellen menschlichen kreativen Vermögen in der Dunkelkammer des Gehirns.

Apfel-Blüten-Arbeitsplatz, 2019

 

Die smarten technischen Geräte und die sogenannte „künstliche Intelligenz“ zwingen, aus meiner Sicht, mit ihrer Beschleunigung den natürlichen Eigen-Sinnen, mit ihren rhythmischen Maßgaben, eine neue Aktualität auf. Oder die Sinne werden von Robotern überholt und abgelöst. Nicht nur weil die Geräte den Menschen ersetzten könnten, sondern weil der Mensch, als Wesen der Anpassung, sich immer mehr den technischen Geräten anzugleichen lernt und damit sich selber „verlernt“.

Wir verhalten uns dann wie Naive, die die eigene Aufmerksamkeitskraft – das schöpferische Gold unseres Lebens –  für glänzenden Firlefanz preisgeben, und verarmt in uns selbst, zugemüllt mit verfallenen Produkten, zurückbleiben.

Die technische Revoultion macht bewußt was für ein gigantisches, unbewusstes Universum jeder Mensch, jeder menschliche Körper, mit seinen Zellen, Organen, Kreisläufen, seinem Herzen und Gehirn per se schon ist.

 

Natur Ikone, Apfelblüten-Zweig, Öl auf Leinwand, 30 x 30 cm, 2019

Der schöpferische Mensch

Weckt das nicht den schöpferischen Menschen aus seinem Tagtraum und ruft ihn auf den Plan mit der einfachsten Strategie: Sammlung und Bewusstwerdung des Selbstverständlichen, was so selbstverständlich gar nicht ist?

Das ausgleichende und ergänzende Gegengewicht zur digitalen Informationsfülle scheint mir die körperliche Sammlung, das Zu-Sich-Kommen, das geistesgegenwärtige Bei-Sich-Sein und Bleiben zu sein.

Beim Zeichnen, beim Operieren, beim musizieren und dirigieren wirken alle Sinne zusammen.
Da ist ein Mensch notwendigerweise ganz bei sich.

Ganz bei sich? Was bedeutet das?

Das bedeutet für den Künstler dynamische Präsenz, in der alle gegensätzlichen Kräfte und Motive, die sich sonst um Dominanz und Vorrang streiten, als ein vielstimmiger Chor in eine Zielrichtung zusammen wirken.

Apfel-Blüten-Arbeitsplatz, 2019

Dabei erfahre ich Kunst als Forschung, als Expedition in unbekannte Dimensionen des inneren, subjektiven Menschseins.

Welche Instanz wäre näher am Rätsel des Lebens als das eigene Bewusst-Sein, das selbst das Rätsel ist?

Je tiefer wir in die unendlich kleinen Bereiche zu blicken vermögen, je weiter wir in die grenzenlosen Räume des Universums schauen, und sogar schwarze Löcher zu fotografieren fähig sind, desto erstaunlicher finde ich das was „vor Augen dir liegt“, und was sich – abgeschirmt – von einem hochauflösenden, flimmernden Vorhang aus Bildschirmen, in schlichter Schönheit dem Licht und den wachen Augen freizügig präsentiert.
Wie zum Beispiel die Apfelblüten.

 

Natur Ikone, Apfelblüten-Zweig, Öl auf Leinwand, 30 x 30 cm, 2019

Das schreibende Zeichnen verlangsamt das Sehen

Schließlich kommt die unablässige Gedankenproduktion zum Stillstand, die sich selektierend und deutend über das Sichtbare ergießt und verschließt.

Das ist ein besonderer Augen-Blick, denn dann gehen die Augen auf, dann wird der Blick frei für das was er tatsächlich sieht, ohne schon zu wissen, zu deuten, oder einzuordnen in zweckbezogene Zusammenhänge.

Pures Sehen ist pures Sein.

Apfel-Blüten-Arbeitsplatz, 2019

Es ist ein weiter Weg ins grenzenlos Nahe.

Das äußere Vor-Bild bloß zu „scannen“ ist das eine und braucht eine 50stel Sekunde. Doch da bleibe ich außen vor und sehe nur die flache Oberfläche. Sie ist aber rätselhaft genug um mich, wie eine Biene anzulocken, und mich auf das sichtbare Gegenüber einzulassen, mich einzuschreiben, zeichnend in mein Vor-Bild einzutreten wie in einen realen, unbekannten Innen-Raum, wie in einen Tempel, in dem das Betrachten ins gestaltende Erleben übergeht, das einen Erkenntnisprozess eröffnet.

 

Natur Ikone, Apfelblüten-Zweig, Öl auf Leinwand, 30 x 30 cm, 2019

Da ist zum Beispiel dieser Moment, diese Stelle des größten Kontrastes, wo aus dem dunklen, winterharten Holz die lichthelle Knospe aufbricht, die in einer harmonischen Explosion den Ursprung aller kosmischen Entfaltung nachspielt.

Apfel-Blüten-Arbeitsplatz, 2019

Dann kommen die Knospen in einem tief berührenden Rot zur Erscheinung, begleitet von grün-vitalen, glänzenden Blättern – in tänzerisch jungen Schwüngen.

Oben in der Mitte, öffnet sich ein erster zarter, fünfblättriger Kelch mit seiner gelben Pollenkrone.

Natur Ikone, Apfelblüten-Zweig, Öl auf Leinwand, 30 x 30 cm, 2019

 

Wenn du zeichnend schreibst was du sieht, versteht es nicht nur der Kopf, sondern das ganze Körper-Sein, denn du übersetzt das was du siehst in entsprechende feinmotorische Bewegungen. Du bist diese Bewegungen. Doch nicht sklavisch oder pedantisch, sondern präzise, um das unsichtbare Ur-Bild und den unhörbaren Ur-Klang, der aller Erscheinung zu Grunde liegt und darin schwingt, möglicherweise – wenn es glückt – zum Ausdruck zu bringen.

 

Reclam-Universal-Notizbuch Nr. 38, Apfel-Blüte, 2019

 

„Was ist das Schwerste von allem?

Was dir das Leichteste dünket.

Mit den Augen zu sehen,

was vor den Augen dir lieget.“

J.W.v.Goethe

Zeichnung, Apfelblüten-Zweig, Farbstift auf Papier, 30 x 30 cm, 2019

 

Schließlich, wenn die „Kunst-OP“ vollzogen ist, wenn das „Herz der Natur“ ins gemalte Bild verpflanzt wurde, und die Hände wie von selbst den Tanz des des Blüten-Zweiges, „frei-händig zeichnen, und ihre unsichtbare Energie in neuer Schrift zu schreiben vermögen,  kommt der Moment, wo die Protagonisten verblüht auf dem Tisch liegen – ein heikler Moment.

 

Natur Ikone, Apfel-Blüten-Rhyhtmus, 30 x 30 cm, Öl auf Leinwand, 2019

 

Denn diese knospenden Zweige sind ja von mir abgepflückt worden und können nicht mehr ihrer natürlichen Bestimmung folgen. Was tun? Wegwerfen?

. . .  I  n  n  e  h  a  l  t  e  n   !

Behutsam nehme ich die verblühten Zweige aus den Gläser, betrachte sie und finde sie noch immer wunderschön, denn sie fallen nicht aus dem Sein.
… Ich werde sie schlafen legen.

Die abgefallenen Blütenblätter, die verstreut auf dem Ateliertisch liegen, sammle ich zum Kreis auf einer grundieren leeren Leinwand. Sie korrespondieren leise mit dem Apfel-Blüten-Farb-Kreisen, die parallel zu den Blüten-Bildern entstanden sind.

 

Apfel-Blüten-Kreis, Naturmaterial, 2019


Abschieds-Installation

Zum Schluss baue ich eine „Abschieds-Installation“ auf.
Mein Ateliertisch war Sammelplatz, Wahrnehmungsschmiede, hingebungsvoll-konzentrierter Übersetzungsort, Schreib- und Zeichenpult, harte Werkbank, nüchterner OP- und Labortisch, Experimentierfeld.
Jetzt ist er ein heiterer Altar auf dem ein kleines, 
festliches Dankes-Rital stattfindet.

Dabei kommt, in diesem Projekt, auch die Fotografie zu ihrem künstlerischen Höhepunkt.

 

Dankes-Ritual, Tischinstallation, Apfel-Blüten-Arbeitsplatz, 2019