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„Axis Mundi“, Werkbrief

„Axis Mundi“, Werkbrief

Vor der Ateliertür, mitten aus den Ritzen des dicht gepflasterten Weges wächst eine Königskerze. Kleinere Pflanzen ringsum, aus ihrer Familie, begleiten sie.

Ich beginne sie am 23. Juni 2011 auf einer großen ungrundierten Leinwand (270 x 200 cm) die Pflanze in großen Bewegungen mit Tafelkreide zu skizzieren.

Werkbrief   „Axis mundi

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Obwohl ich mit andern Projekten intensiv befasst bin und keine Zeit für ein neues zu haben meine, obwohl  meine Zeitplan dicht geplättelt ist, wie der gepflasterte Weg vor der Ateliertüre, schiebt sich zwischen den Zeit-Ritzen diese kühne Überraschung hindurch.

Auf meinem Weg gibt es diese Lücken durch die der Zufall hereinbricht, oft unbequem und unpassend, dennoch erwartet und willkommen.

Eine solche Pflanze wächst nicht umsonst direkt vor der Tür eines Malers. Das ist deutlich, deutet, ist bedeutend, ist weisend, ist wegweisend, weist weg, weißt hin. Worauf?

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Königskerze

Der Name ist das Bild dessen was er benennt. König und Kerze. Königsflamme die ins Vertikale lodert und sich in geordneter Wildheit breiten horizontalen Raum erobert.

Das Königliche ist, wie das Geistige, frei. Es wächst wo es will. Auch auf Schutt, zwischen Pflastersteinen, oder wie der Lotus aus dem Schlamm.

Wohin führen Pflanze und Name? Mich führen sie ins Nahliegende, ins Nahsehen, ins Erkunden des Sichtbaren, das sich als offenbares Geheimnis den Sinnen gegenüber aufspannt.

„Die Natur hält Ausschau nach Augen die sie sehen“, und pflanzte sich direkt vor die Ateliertür eines Auf-zeichners, der es sich zur Aufgabe machte, in der äußeren Erscheinung das In-Bild zu entdecken und sichtbar werden zu lassen.

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Oben und Unten

Die Pflanzen wachsen von unten nach oben, und von oben nach unten. Sie wachsen im Licht – nur im Licht.
Die Erdkräfte treiben, die Lichtkräfte rufen.
Von Oben der Ruf, von Unten der Trieb. Die Kraft der Mitte, die beide Pole umfasst, gestaltet das Wunder. Die Mitte ist die Quintessenz, sie führt alles – in unerschöpflichem Variantenreichtum – durch die vier Elemente Erde, Wasser, Luft und Licht (Feuer), zur Gestalt.
Königlich schwingen sich die Blätter, wie in barocken Kleidern, von der Mitte aus ins Umfeld. Zugleich Raum schaffend und neue Basis für die schlanke Pflanzensäule, die in den offenen kosmischen Raum zielt. Ein Pfeil der Erde. Eine Empfangsstation des Alls. Ein lebendiges Bild der „Axis mundi“.

Es bilden sich Hohlräume zwischen Stil und Blattansatz. Dort wohnen kleine Insekten in schattigen Appartements. Sie haben ein Haus das ihnen Schutz und Nahrung gibt. Häuser die nachwachsen und gleichzeitig essbar sind – eine visionäre Architektur.

Gespannt zwischen Himmel und Erde, gestaltet hier die Erde mit der Sonne und den andern Planeten eine Figur die das unsichtbare Kräftespiel zur Erscheinung bringt. In den geheimnisvollen Clorophyllwerkstätten, die das Licht in Stärke wandeln, spielt das Lied eines Sommers.
Es tritt hier als Königskerze in Erscheinung. Mitten auf dem geplättelten Weg vor der Ateliertüre.

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Zeichnen und Malen

Die Vertikale, die schwingende Bewegung der Blätter und ihre Steigerung zur angekündigten Blüte, ergeben zusammen ein hohes Dreieck, die Grundform des Feuers.

Im unteren Bereich die großen, wilden Basisblattformen. Sie werden nach oben immer kleiner und verjüngen sich zu kleinen grünen Flämmchen die an der Achse hochzüngeln und sich schließlich in gelben Blüten öffnen.
Während am obersten Gipfel der Pflanze sich die grünen Blätter zu gelben Blüten umstülpen, lösen sich die untersten schon in Humus auf.
Die Pflanze ist eineinhalb Meter hoch, als ich zu zeichnen beginne.

Wenn ich zeichnend in einen Dialog trete öffnet sich das Gegenüber – und verändert mich.
Das „Ab-malen“ wird zum „Auf-Zeichnen“. Mein Sehen wird dynamisiert. Es löst sich aus dem kategorisierenden begrifflichen Wiederkennen heraus und gerät in Fluss. Das Dingliche, der Gegenstand, das mir gegenüber Stehende, wird dabei vollkommen abstrakt.

Die Pflanzengestalt wird zur Partitur einer optischen Musik, die ich studiere und einspiele. „Werkgetreu“ auf alten Instrumenten wie Leinwand, Kreide, Pinsel, Wasser- und Ölfarben.

Der leere Raum der Leinwand gibt vor in welcher Proportion die Zeichnung konzipiert wird.

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Meine Wirbelsäule tritt beim Zeichnen in Resonanz mit der Vertikale der Pflanze und richtet mich auf.
Aus der Resonanz kommt der Tanz. Die Vertikale entfaltet sich, auch in der Bewegung. Sie erschafft tanzend ihren blattgestaltigen schwungvollen Umraum.

Diese Spannweite von freier wuchtig-tänzerischer Bewegung im unteren Bereich, und feinster geometrischer Präzision nach oben hin, definiert auch die zeichnerisch-malerischen Handlungen und Zustände.

Am 23. Juli, nach einem Monat habe ich das Bild beendet.

Die Pflanze wuchs weiter, wurde 2,90 cm hoch, dann hörte sie auf zu wachsen, trocknete, beendete den Tanz dieses Sommers, und begleitet nun das entstandene Bild auf Ausstellungen.

Verwurzelte Freiheit!

23-6. bis 23.7. Mischtechnik auf ungrundierte Leinwand 270 x 200 cm

23.6. bis 23.7. 2011
Mischtechnik auf ungrundierter Leinwand
270 x 200 cm

 

ko%cc%88nigskerze-1Ausstellung Städtische Galerie Ehingen, 2016

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