Navigation Menu
Alfred Bast? – Die ganz andere Bio-grafie

Alfred Bast? – Die ganz andere Bio-grafie

„Bio“ heißt Leben und „grafie“ kommt von „einschreiben“, „einritzen“, „einzeichnen“.
Zuerst ist das Leben, dann wird es gezeichnet.
Biografie ist gezeichnetes Leben.

Ich, der, wenn „Alfred Bast“ gerufen wird, „ ja hier!“ sagt, (dabei gibt es in Deutschland etwa zehn Personen, die bei diesem Namen „ ja hier!“ sagen) kommt wie jedes Kind als universelles Wesen, sprachlos, im mütterlichen Erdnest an. Nach und nach lernt es Stammeln, Krabbeln, Laufen, Sprechen, Reden. Es erkennt sich im Spiegel, lernt ab drei Jahren sein Ich zu entwickeln und sich damit mehr und mehr zu identifizieren. Es lernt auch – schmerzlich – sein Getrennt- Sein.

Es lernt den Namen, den ihm die Eltern gaben, als einen Schlüssel zu gebrauchen, lernt sein Geschlecht kennen, übt Arten des Denkens und das, was er im Vergleich zu anderen kann oder nicht kann. Lernt sich in die Vorgaben der Umgebung hinein zu finden und sie zu steigern, wie verschieden sie auch sein mögen, füllt sie aus, repräsentiert sie und entwickelt sie schließlich weiter. Wird selber Vater, Mutter. Wird beruflich aktiv, spezialisiert sich. Seine Lebenszeit wird zur statistisch überprüfbaren Strecke. Vom Versager bis zum erfolgreichen Star reicht die Spannweite. Manchmal ist das eins.
Jedenfalls hat das universelle „Bio“ jetzt eine Zeichnung und ist eine „grafie“, ein gezeichnetes Leben, geworden.

 

(Bild: „Arco“ / Mischtechnik auf Leinwand / 180 x 120 cm / 1990 )

Das ehemalige universelle, sprachlose Ganze hat also zu sprechen gelernt, vielleicht in mehreren Sprachen, und darüber vergessen, was es zu sagen hat oder ob es überhaupt etwas sagen wollte.
Es hat den Rahmen und seine Muster gelernt, in die es hinein geboren wurde. Sie gingen ihm in Fleisch und Blut über. Es wurde selbst zum Rahmenmuster, reproduzierte und erweiterte es, und machte es zum Inhalt seiner Existenz. Wurde gar ein Musterrahmen? Der Rahmen ist dabei sein eigener Inhalt. Die Sprache spricht mit sich selbst über sich.
Das Selbst, das sich selbst vergessen hat, schuf stattdessen ein konditioniertes Ich und erfand ein grandioses Ersatz-Selbst, das es zu nutzen lernt – ein „Auto“. Damit fährt es in immer schnelleren Runden im Kreis. Es gibt dabei kein Ankommen, denn Start und Ziel sind identisch. Die Steigerung in dieser statischen Dynamik liegt in den immer fantasievolleren Geschwindigkeiten von Systemen. Wobei die Grundgeschwindigkeit des Menschen, seine Herzfrequenz und sein Atem, diese Steigerung keinesfalls mitmachen sollte. Parallel dazu nehmen auch die Dramatisierung, Problem- und Katastrophenerzeugung zu, die wiederum eine entsprechend große Lösungsdynamik in Gang setzen. Treibstoff wird aus Feind-Bildern, Gegnern, Konkurrenten raffiniert (ein wirksames Mittel, um innere Zerstrittenheit nach außen zu verlagern und dort zu besiegen). Sündenbock-Marketing und Projektions-Magie lenken weiträumig von der Sinnfrage ab. Denn die macht sprachlos, orientierungslos und erscheint selber sinnlos.

Mein Leben, mein „Bio“ hat den Kontakt zur Sprachlosigkeit des ursprünglichen Seins nie ganz verloren. Vielleicht ist das zu bedauern, denn es macht mich untauglich, meine Kraft in das Rennen im Ring zu stecken. Ich strebe immer, von jedem Punkt des Rings aus, der Mitte zu.

Und so bin ich, mit der gezeichneten Spur, meiner „grafie“, und mit den Mitteln der gelernten Sprache, im neunundsechzigsten Jahr ebenfalls dabei, tief in die Gründe meiner und der menschlichen Herkunft einzutauchen, dorthin, bevor sich das Ich gebildet hat, aber das Wesen und der Mensch schon da waren. Ich nehme also dieses erlernte, aufgepfropfte „Rahmenmuster-Ich“, das auf einer dünnen äußern Schicht der Existenz des unendlich viel größeren Selbst auf den Namen Alfred Bast eingeübt ist, und betrete damit die leeren Felder des namenlosen Inhaltes. Sehr auf der Hut, die Leere nicht allzu rasch mit meinen geübten Mustern gleich zu möblieren, sondern ausgerichtet zu bleiben auf das, was in diesen Mustern nicht auftaucht und so für sie wie nicht existent erscheint: auf den Urpuls des Lebens, der sich der Fassbarkeit entzieht, und der doch letztlich Grund und Nahrungsquelle ist auch von allem, was Muster- und Rahmen-Ich geworden ist.

 

(Bild: Jahresprojekt, Tageseintrag: 10.10.2013 / Reclam-Universal-Notizbuch, Mischtechnik 14,5 x 18,5 cm)

Das ist wunderbar.

In dieser Wunder Bar gibt es das beglückende Getränk ichübersteigender Identität (ohne das Ich dabei aufzulösen, es ist einfach nicht mehr im Mittelpunkt, sondern das, was es eigentlich ist:
eine Schale, ein Ring um das Geheimnis des Lebens), das aus Intuition und schöpferischer Leistung gebraut wird. Da gibt es Milch, die vererbte, harte Krusten vom abgefallenen Brot des Lebens einweicht und auch für das zahnlose Alter genießbar macht.
Da gibt es natürlich auch das Göttliche. Gleich in dreifacher Ausführung. Die erste ist immer auch eine Aufführung.

Nämlich als die menschliche Erfindung und Großkonstruktion dessen, was das Fassbare übersteigt, das der Mensch ins Verstehen zu zwingen sucht.
Das tritt als dogmatische Religionen auf, die das Numinose in theologische Systeme fesseln. Sie haben die „Sünde“ und den „Fall“ erfunden und damit eine höchst fantasievolle Höllenwelt, die die konkreten Schmerzerfahrungen der menschlichen Existenz in einen überpersönlichen Kontext verankern und ihn so von sich weg, auf ferne Ursachen und andere Schuldige delegiert. Mit allen nur denkbaren Scheußlichkeiten und Strafen gehen dann die jeweils „Gerechten“ vor, wenn von den Vor-Schriften, die sich „heilig“ nennen (… wo Gott mal Arabisch, mal Englisch, meines Wissens nie Schwäbisch spricht …) abgewichen wird, oder am Schrecklichsten, wenn ein gefallener Verräter zur feindlichen Partei, den Ungläubigen oder Heiden, übertritt. Das also ist die dramatische Unterhaltung seit vielen tausend Jahren. Sie hat immer Anfang und Ende, wie alle Filme.

Die zweite Variante ist die atheistische. Der Mensch als Zufallsprodukt einer blinden Evolutionsdynamik, der nun alles, vor allem aber sich selber, in die Hand zu nehmen, technisch zu verbessern hat. Da geht es enorm visionär zu und alles ist voller Zukunft. Alles wird bald besser weiter, größer, intelligenter und schöner sein. Und wenn die Erde etwa ein Müllplanet geworden sein wird, nun, dann sind wir soweit, den Mond zu begrünen und auf der Venus Urlaub zu machen.

Das dritte Göttliche ist stiller, zarter, wird sanfter vorgetragen, ist eher lyrisch und ohne Limit. Es findet sich auch in Schriften. Vor allem in der Schrift und Sprache des Lebens, des Herzens, der Natur.
Menschen, die die Menschheit prägten und prägen, konnten dieses Mysterium in Worte und Taten übersetzen. Glücklicherweise uns allen bekannt: Christus, Krishna, Buddha, Lao Tse, Meister Eckhart, Sufis und Rosenkreuzer, Lehrer und Geist-Forscher: Sri Aurobindo, Rudolf Steiner. Dichter: Goethe, Schiller, Hölderlin, Novalis, Dostojewski, Rilke. Denker: Gebser, Teilhard de Chardin. Musiker und Künstler: Johann Sebastian Bach, Leonardo da Vinci, und noch viele, viele andere, auch Namenlose, die Liebe, Weisheit, Kunst und friedliche Macht in der Wunder Bar aus- und einschenken: lächelnd mit heiterem Ernst – zeitlos präsent. Aber bitte nicht vergessen: ohne Eva, Maria, Magdalena, Lilith und Beatrice gäbe es das alles nicht.

Am meisten habe ich von der Kunst zu mir genommen, genossen und gelernt. Sie verlangt nicht allein Nachfolge und Nachvollzug, sondern Mitwirkung, mit Haut und Haaren. Die Zukunft ist dabei nicht später, sondern Jetzt. Sie geht an die Knochen und trommelt damit variantenreich im Herzschlag. Sie hat mich süchtig und abhängig gemacht. Abhängig von ihrer Freiheit, immer am Anfang zu sein – quellfrisch.

Durch sie erfahre ich, auf der relativen Höhe meines erlernten Sprachvermögens, dass der Körper zugleich ein Ort des Universums ist, das in ihm erwacht. Erlebe, wie jeder, dass er sterblich ist, hinfällig und fragil. Doch – und zugleich – was ist er für ein grandioses Instrument und Schöpfung der universellen Intelligenz. Wer hat ihn gemacht, in undenklichen Zeiten langsam erbaut und belebt?
Dieser Zufall muss von höchster Intelligenz sein. Die möchte ich kennenlernen, mit meinem winzigen Ich aufnehmen wie Blüten das Licht. Und wie Blüten sich zum Licht ausrichten, so richtet sich mein Ich auf diese universelle Intelligenz aus. Nachts faltet es sich zusammen und geht zu den Wurzelgründen der Mütter.
Dort werden die Zellen, die Erfahrung und Wissen unzähliger Leben und Inkarnationen enthalten, mit frischer, vitaler Kraft versorgt. Ein Menschenkörper, also auch meiner, ist ein Instrument, das die universelle Musik in einmaliger Weise zu spielen vermag. Er ist die Bewegung einer Welle, durch die der Ozean strömt, und in einem Ich, wie in einem einzigen Tropfen, ist er enthalten.

Dieses Ich sagt dann wieder von sich: „Ich heiße Alfred Bast“. Doch anders als zuvor, denn in ihm ist das ureigenste Fremdsein erwacht.

 

Bild: Werkgruppe: „Tiefsinnige Banalitäten“ / 200 x 300 cm / Ausschnitt und Siebdruck / 1998 )