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Alfred Bast? – Die ganz andere Bio-grafie

Alfred Bast? – Die ganz andere Bio-grafie

„Bio“ heißt Leben und „grafie“ kommt von „einschreiben“, „einritzen“, „einzeichnen“.
Zuerst ist das Leben, dann wird es gezeichnet.
Biografie ist gezeichnetes Leben.

Ich, der, wenn „Alfred Bast“ gerufen wird, „ ja hier!“ sagt, (dabei gibt es in Deutschland etwa zehn Personen, die bei diesem Namen „ ja hier!“ sagen) kommt wie jedes Kind als universelles Wesen, sprachlos, im mütterlichen Erdnest an. Nach und nach lernt es Stammeln, Krabbeln, Laufen, Sprechen, Reden. Es erkennt sich im Spiegel, lernt ab drei Jahren sein Ich zu entwickeln und sich damit mehr und mehr zu identifizieren. Es lernt auch – schmerzlich – sein Getrennt- Sein.

Es lernt den Namen, den ihm die Eltern gaben, als einen Schlüssel zu gebrauchen, lernt sein Geschlecht kennen, übt Arten des Denkens und das, was er im Vergleich zu anderen kann oder nicht kann. Lernt sich in die Vorgaben der Umgebung hinein zu finden und sie zu steigern, wie verschieden sie auch sein mögen, füllt sie aus, repräsentiert sie und entwickelt sie schließlich weiter. Wird selber Vater, Mutter. Wird beruflich aktiv, spezialisiert sich. Seine Lebenszeit wird zur statistisch überprüfbaren Strecke. Vom Versager bis zum erfolgreichen Star reicht die Spannweite. Manchmal ist das eins.

Jedenfalls hat das universelle „Bio“ jetzt eine Zeichnung und ist eine „grafie“, ein gezeichnetes Leben, geworden.

Das ehemalige universelle, sprachlose Ganze hat also zu sprechen gelernt, vielleicht in mehreren Sprachen, und darüber vergessen, was es zu sagen hat oder ob es überhaupt etwas sagen wollte.
Es hat den Rahmen und seine Muster gelernt, in die es hinein geboren wurde. Sie gingen ihm in Fleisch und Blut über. Es wurde selbst zum Rahmenmuster, reproduzierte und erweiterte es, und machte es zum Inhalt seiner Existenz. Wurde gar ein Musterrahmen? Der Rahmen ist dabei sein eigener Inhalt. Die Sprache spricht mit sich selbst über sich.
Das Selbst, das sich selbst vergessen hat, schuf stattdessen ein konditioniertes Ich und erfand ein grandioses Ersatz-Selbst, das es zu nutzen lernt – ein „Auto“. Damit fährt es in immer schnelleren Runden im Kreis. Es gibt dabei kein Ankommen, denn Start und Ziel sind identisch. Die Steigerung in dieser statischen Dynamik liegt in den immer fantasievolleren Geschwindigkeiten von Systemen. Wobei die Grundgeschwindigkeit des Menschen, seine Herzfrequenz und sein Atem, diese Steigerung keinesfalls mitmachen sollte. Parallel dazu nehmen auch die Dramatisierung, Problem- und Katastrophenerzeugung zu, die wiederum eine entsprechend große Lösungsdynamik in Gang setzen. Treibstoff wird aus Feind-Bildern, Gegnern, Konkurrenten raffiniert (ein wirksames Mittel, um innere Zerstrittenheit nach außen zu verlagern und dort zu besiegen). Sündenbock-Marketing und Projektions-Magie lenken weiträumig von der Sinnfrage ab. Denn die macht sprachlos, orientierungslos und erscheint selber sinnlos.

Mein Leben, mein „Bio“ hat den Kontakt zur Sprachlosigkeit des ursprünglichen Seins nie ganz verloren. Vielleicht ist das zu bedauern, denn es macht mich untauglich, meine Kraft in das Rennen im Ring zu stecken. Ich strebe immer, von jedem Punkt des Rings aus, der Mitte zu.

Und so bin ich, mit der gezeichneten Spur, meiner „grafie“, und mit den Mitteln der gelernten Sprache, im achtundsechzigsten Jahr ebenfalls dabei, tief in die Gründe meiner und der menschlichen Herkunft einzutauchen, dorthin, bevor sich das Ich gebildet hat, aber das Wesen und der Mensch schon da waren. Ich nehme also dieses erlernte, aufgepfropfte „Rahmenmuster-Ich“, das auf einer dünnen äußern Schicht der Existenz des unendlich viel größeren Selbst auf den Namen Alfred Bast eingeübt ist, und betrete damit die leeren Felder des namenlosen Inhaltes. Sehr auf der Hut, die Leere nicht allzu rasch mit meinen geübten Mustern gleich zu möblieren, sondern ausgerichtet zu bleiben auf das, was in diesen Mustern nicht auftaucht und so für sie wie nicht existent erscheint: auf den Urpuls des Lebens, der sich der Fassbarkeit entzieht, und der doch letztlich Grund und Nahrungsquelle ist auch von allem, was Muster- und Rahmen-Ich geworden ist.

Das ist wunderbar.

In dieser Wunder Bar gibt es das beglückende Getränk ichübersteigender Identität (ohne das Ich dabei aufzulösen, es ist einfach nicht mehr im Mittelpunkt, sondern das, was es eigentlich ist:
eine Schale, ein Ring um das Geheimnis des Lebens), das aus Intuition und schöpferischer Leistung gebraut wird. Da gibt es Milch, die vererbte, harte Krusten vom abgefallenen Brot des Lebens einweicht und auch für das zahnlose Alter genießbar macht.
Da gibt es natürlich auch das Göttliche. Gleich in dreifacher Ausführung. Die erste ist immer auch eine Aufführung.

Nämlich als die menschliche Erfindung und Großkonstruktion dessen, was das Fassbare übersteigt, das der Mensch ins Verstehen zu zwingen sucht.
Das tritt als dogmatische Religionen auf, die das Numinose in theologische Systeme fesseln. Sie haben die „Sünde“ und den „Fall“ erfunden und damit eine höchst fantasievolle Höllenwelt, die die konkreten Schmerzerfahrungen der menschlichen Existenz in einen überpersönlichen Kontext verankern und ihn so von sich weg, auf ferne Ursachen und andere Schuldige delegiert. Mit allen nur denkbaren Scheußlichkeiten und Strafen gehen dann die jeweils „Gerechten“ vor, wenn von den Vor-Schriften, die sich „heilig“ nennen (… wo Gott mal Arabisch, mal Englisch, meines Wissens nie Schwäbisch spricht …) abgewichen wird, oder am Schrecklichsten, wenn ein gefallener Verräter zur feindlichen Partei, den Ungläubigen oder Heiden, übertritt. Das also ist die dramatische Unterhaltung seit vielen tausend Jahren. Sie hat immer Anfang und Ende, wie alle Filme.

Die zweite Variante ist die atheistische. Der Mensch als Zufallsprodukt einer blinden Evolutionsdynamik, der nun alles, vor allem aber sich selber, in die Hand zu nehmen, technisch zu verbessern hat. Da geht es enorm visionär zu und alles ist voller Zukunft. Alles wird bald besser weiter, größer, intelligenter und schöner sein. Und wenn die Erde etwa ein Müllplanet geworden sein wird, nun, dann sind wir soweit, den Mond zu begrünen und auf der Venus Urlaub zu machen.

Das dritte Göttliche ist stiller, zarter, wird sanfter vorgetragen, ist eher lyrisch und ohne Limit. Es findet sich auch in Schriften. Vor allem in der Schrift und Sprache des Lebens, des Herzens, der Natur.
Menschen, die die Menschheit prägten und prägen, konnten dieses Mysterium in Worte und Taten übersetzen. Glücklicherweise uns allen bekannt: Christus, Krishna, Buddha, Lao Tse, Meister Eckhart, Sufis und Rosenkreuzer, Lehrer und Geist-Forscher: Sri Aurobindo, Rudolf Steiner. Dichter: Goethe, Schiller, Hölderlin, Novalis, Dostojewski, Rilke. Denker: Gebser, Teilhard de Chardin. Musiker und Künstler: Johann Sebastian Bach, Leonardo da Vinci, und noch viele, viele andere, auch Namenlose, die Liebe, Weisheit, Kunst und friedliche Macht in der Wunder Bar aus- und einschenken: lächelnd mit heiterem Ernst – zeitlos präsent. Aber bitte nicht vergessen: ohne Eva, Maria, Magdalena, Lilith und Beatrice gäbe es das alles nicht.

Am meisten habe ich von der Kunst zu mir genommen, genossen und gelernt. Sie verlangt nicht allein Nachfolge und Nachvollzug, sondern Mitwirkung, mit Haut und Haaren. Die Zukunft ist dabei nicht später, sondern Jetzt. Sie geht an die Knochen und trommelt damit variantenreich im Herzschlag. Sie hat mich süchtig und abhängig gemacht. Abhängig von ihrer Freiheit, immer am Anfang zu sein – quellfrisch.

Durch sie erfahre ich, auf der relativen Höhe meines erlernten Sprachvermögens, dass der Körper zugleich ein Ort des Universums ist, das in ihm erwacht. Erlebe, wie jeder, dass er sterblich ist, hinfällig und fragil. Doch – und zugleich – was ist er für ein grandioses Instrument und Schöpfung der universellen Intelligenz. Wer hat ihn gemacht, in undenklichen Zeiten langsam erbaut und belebt?
Dieser Zufall muss von höchster Intelligenz sein. Die möchte ich kennenlernen, mit meinem winzigen Ich aufnehmen wie Blüten das Licht. Und wie Blüten sich zum Licht ausrichten, so richtet sich mein Ich auf diese universelle Intelligenz aus. Nachts faltet es sich zusammen und geht zu den Wurzelgründen der Mütter.
Dort werden die Zellen, die Erfahrung und Wissen unzähliger Leben und Inkarnationen enthalten, mit frischer, vitaler Kraft versorgt. Ein Menschenkörper, also auch meiner, ist ein Instrument, das die universelle Musik in einmaliger Weise zu spielen vermag. Er ist die Bewegung einer Welle, durch die der Ozean strömt, und in einem Ich, wie in einem einzigen Tropfen, ist er enthalten.

Dieses Ich sagt dann wieder von sich: „Ich heiße Alfred Bast“. Doch anders als zuvor, denn in ihm ist das ureigenste Fremdsein erwacht.

 

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Alfred Bast?
A very different bio-graphy

“Bio“ means life and “graphy“ is derived from “inscribing”, “carving” or “drawing“.
At the beginning, there is life. And then it is drawn. A biography is drawn from life.

I, who answers with “yes, here“, when the name Alfred Bast is called out (like about ten other people in Germany who would react in the same way to this name), arrived in this motherly and worldly nest like any other child: as a universal being without speech. Step by step it learns how to babble, crawl, walk, to speak and to talk. It begins to recognize itself in a mirror, at the age of three it starts to develop its ego and to identify with it more and more. It also begins to comprehend – and painfully so – its being apart, its isolation.
It learns to use the name that it was given by its parents like a key, learns about its sex, and practices modes of thinking that, in comparison to others, it can or cannot master. It learns to adapt to the conditions of its environment and to surpass them, no matter how differing they might be, to fulfill them and to represent them, and, finally, to develop them further. Becomes a father, a mother, becomes active in a profession and specializes in a certain field. Its lifetime becomes a statistically comprehensible span. It ranges from good-for-nothing to superstar. Sometimes, this is rolled into one.

At any rate, the universal “bio“ now has a marking and has become a “graphy”, a drawing of life.

The former universal and speechless entity has learned how to speak, maybe in several languages, forgetting in the process, however, what to talk about or whether it had wanted to express itself at all. It has adopted the frame and the structures it was born into. They have become second nature. It has incorporated this framework, reproduced its patterns, expanded them and transformed them into the essence of its existence – even became a role model of such a framework itself? – The frame its own content, speech talking about itself to itself.
The self, forgetful about it-self, has created a conditioned ego instead, and has invented a magnificent substitute self to use – an “auto”-mobile. With this vehicle it drives in ever faster circles, going around and around. There is no arrival, as starting point and finishing line are identical. The intensification in this static dynamics builds on the ever more imaginative velocities of systems. The basic human pace, however, heart frequency and respiratory rate, should of course by no means imitate this tendency.
In a similar vein, the tendency towards dramatization, the creation of problems and catastrophes increases, and so does a matching set of dynamics that is focused on solutions. The fuel needed is refined from stereotypes of enemies, opponents and competitors (which is a useful concept to outsource inner conflicts and defeat them somewhere else). The question about the meaning of all this is largely obscured by the chasing of scapegoats and the magic of projections, as the question itself makes speechless, causes disorientation and seems to be without meaning itself.

My life, my “bio” has never completely lost contact with the speechlessness of the original being. A circumstance which does seem unfortunate as it renders me unfit to invest my capacities into this race in the ring. From each point of the circle I always move towards its middle.

And so, in my 68th year and along the drawn trace, my “graphy”, I am also being deeply immersed in the realms of my and the human origin, heading towards where and before the self emerged, with character and its bearer already being present. Now I take this adopted, this superimposed ego-frame with its structures and patterns that exists on a thin outer layer of the existence of an endlessly bigger being trained on the name Alfred Bast, and with that I step out into the vast, empty fields of its nameless content. I am doing so apprehensively, so as not to fill this void all too quickly with my well-practiced patterns, but to remain open for everything that does not immediately emerge and thus seems to be non-existent. Staying oriented to the very first pulse of life that escapes definition, and yet, in the end, is the foundation and nourishing source including all that has become of the patterned and structured self.

This is wonderful.

In this fullness of wonders there is the miracle drug of self-surpassing identity (not dissolving the self, which is just off-centre, but showing its true nature as a kind of bowl, a ring around the secret of life), a mixture of intuition and creative achievement. There is milk that softens the inherited hard crusts of the bread that life has left over and makes it edible even for toothless old age.
Of course there is also the divine – and threefold at that. 



The first variety is always a performance, too: A human invention and mammoth construction of those things that go beyond the comprehensible when being forced into understanding. They appear as dogmatic religions that bind the numinous to theo-logical systems. „Sin“ and „the fall of mankind“ were invented, and with that a highly imaginative infernal machine anchoring the very direct experiences of pain in human existence in a supra-personal context, thus delegating these torments to far-away causes and other guilty parties. With all imaginable monstrosities and punishments the so-called „just“ pursue those who divert from the pre-scribed rules that are called „holy“ (with God speaking sometimes in Arabic, sometimes in English and other tongues), or, worse even, the fallen betrayers who join the enemy, the disbelievers and heathens. This, alas, has been dramatic entertainment for many thousands of years. There always is a beginning and an end, like in all movies.

The second version is the atheistic denial of any higher intelligence considering mankind a coincidental by-product of blind evolutionary dynamics forced to lay hands on everything, and first of all on mankind itself, in order to achieve technical improvements. This goes along with tremendous visionary effort and promising visions for the future. Everything will soon be better, wider, bigger, more intelligent and more beautiful. And when our planet finally will have changed into a dump hill, then, – and lo behold – we will be ready to landscape the moon and fly to Venus for a holiday.

The third divine option is quieter, subtler and is voiced more gently, almost lyrical by nature and without limit. It can also be found in the scriptures, and, above all, in the writing and language of life, of the heart, of nature. Some humans, who had and still have an influence on mankind, were also able to translate this mystery into words and deeds. Luckily, they are known to us all: Christ, Krishna, Buddha, Lao Tse, Meister Eckhart, the Sufis and Rosicrucians, teachers and spiritual seekers: Sri Aurobindo, Rudolf Steiner. Poets: Goethe, Schiller, Hoelderlin, Novalis, Dostojewski, Rilke. Philosophers: Gebser, Teilhard de Chardin. Composers and artists: Johann Sebastian Bach, Leonardo da Vinci and many, many more, nameless people, too, who give and share love, wisdom, art and peaceful power – they act with a serene seriousness, smiling and ever present. And please do not forget: without Eve, Mary, Magdalen, Lilith, Beatrice and all the other women, all this would not exist.

From art I have learned the most, enjoyed and integrated the most. It is not only obedience and imitation that art demands, but full-fledged commitment, entirely. Future in that case is not some time later, but in the immediate here and now. Art gets to your bones using them as drumsticks in the rhythm of your heartbeat in a variety of ways. I have become an addict and dependent, depending on the freedom of art always to be right at the beginning of something – fresh from the spring.

From that source and on the relative height of my learned ability to express myself, I experience the body to be home to the universe that awakens in it. I also experience, like every human being, that the body is mortal, fragile and frail. And yet – and simultaneously and all the more – what a magnificent instrument and creation of the universal intelligence it is. Who or what has made it since time immemorial, has slowly built and animated it? This coincidence must be guided by supreme intelligence. It is this quality that I would like to get to know, to inhale with my tiny self like a flower drinks the light. And like flowers follow the light, my self also orients itself more and more consciously towards this universal intelligence. At night, it folds together and moves to the deeply rooted grounds of the mothers. There the body’s cells that contain the experience and knowledge of countless lives and incarnations are nourished with fresh vitality. A human body, as is mine, is an instrument capable of playing the universal melody in a unique manner. It is the movement of a wave infused by the ocean that is incorporated in the self like in a single drop.

This self may again exclaim „I am Alfred Bast“ – but in a different way now, for within it has experienced the awakening of its innate strangeness.